Daniel Woodrell

Name: Daniel Woodrell
Geboren: 1953
Berufe: Soldat, Schriftsteller
Pseudonyme: -

Bild Woodrell

Woodrell selbst hat den Begriff country noir in den Raum gestellt, um seine Arbeit zu beschreiben. Zum Thema noir sagte er in einem Interview mit Leonard Gill:


'There’s a whole vein of American fiction that never got the above-board recognition but that you just can’t kill with a stick. It keeps coming back and back. Guys like Horace McCoy (They Shoot Horses, Don’t They?) and Edward Anderson (Thieves Like Us), guys I feel a real kinship with. You can call it social realism, or you can call it noir, or something else altogether that I haven’t thought of.'


Daniell Woodrell im Interview mit Leonard Gill @ memphisflyer.com.


Poet des White Trash

von Martin Comparts


"Der Revolver war im Haus und in ihrem Kopf, und bei jedem neuen Sonnenuntergang spürte ich, daß wir einem richtigen Verbrechen wieder ein Stück näher gekommen waren", berichtet Sammy, Herumtreiber und Ich-Erzähler in Daniel Woodrells Roman "Tomato Red". Zusammen mit der rothaarigen Jamalee und ihrem bildschönen kleinen Bruder Jason ("Im Lebensmittelladen werfen ihm erwachsene Frauen ihre Schlüpfer zu, auf die sie mit Lippenstift ihre Telefonnummern geschrieben haben") schreckt er vor nichts zurück, um an ein besseres Leben zu kommen. Denn die Geschwister stammen aus Venus Holler - und wer von dort kommt, hat nichts zu verlieren. Venus Holler ist der Slum der fiktiven Stadt West Table, die wohl einiges mit West Plains, dem Wohnort des Autors, gemeinsam hat. Woodrell-Fans kennen dieses Dreckloch noch aus seinem vorherigen Roman "Stoff ohne Ende", der sich ebenfalls als typische Loser-Geschichte präsentierte.


Daniel Woodrell berichtet aus einer Hölle, die Ozarks heißt und im südlichen Missouri liegt. Dort gibt´s reichlich Wälder, Hügel, ein paar stinkreiche Ausbeuter, korrupte Bullen, debile Hillybillys und jede Menge White-Trash-Clans, die sich gegenseitig die Marihuana-Ernten abjagen und die Schädel wegschießen. "Die Ozarks sind die perfekte B-Seite eines Großstadtmolochs", schreibt der Krimiautor. Mit genügend Bargeld kann man sich hier von allem - selbst einem Haftbefehl - problemlos freikaufen, denn auch in den Ozarks regiert der Mammon. Zwischen den undurchdringlichen Wäldern findet man Herrenhäuser, verkommene Farmen und kleine Städte voller Slums, in denen "Schuppen die Gegend überziehen wie Pockennarben und massenhaft Kinder ausbrüten, mit denen der Rest der Welt klarkommen muß".


Die Menschen leben hier in einem Paralleluniversum aus Trailer-Parks und Nachtjackenviertel, fernab jeglicher Mainstream-Kultur. Von den "Normalos" erwarten sie nur Ärger, denn die stecken sie in den Knast, verpassen ihnen Strafbefehle oder nehmen ihnen ihr bißchen Land weg. Also leben sie nach ihrem eigenen Wertesystem. Die Waltons würden von ihnen wahrscheinlich geteert und gefedert. Doch selbst in dieser Elendszone gibt es noch schlimmere Hinterhöfe. Genau hier durchwühlt Woodrell die Mülltonnen für seine Noir-Romane und Sittengemälde aus der amerikanischen Jauchegrube.


Daniel Woodrell, geboren 1953, ist ein Kind der 60er, aufgewachsen in den Ozarks in einer Familie, die den Vietnamkrieg ganz in Ordnung fand. Mit siebzehn ging er zu den Marines; anschließend hatte er mächtig mit Drogen und Subkulturen zu tun. "Seit fast zwanzig Jahren arbeite ich freiberuflich", erzählte er einmal. "Habe es nie in einem Job ausgehalten. Der Rekord waren sechs Monate. Tja, man muß für die Schriftstellerei alles geben. Entweder schwimmen oder absaufen."


Schließlich landete der Outsider in einem Schriftsteller-Workshop in Iowa: "Mit meinem Blue-collar-Hintergrund paßte ich denen nicht. Sie wollten mich nach der Hälfte rausschmeißen, aber ich blieb einfach." In dieser Zeit schrieb er seinen ersten Roman "Cajun Blues", Teil eins seiner "Shade-Trilogie", den er erst 1985 verkaufen konnte und der fast unter Auschluß der Öffentlichkeit erschien. Jahre des Schreibens und der Frustrationen folgten, in denen jedes seiner Bücher ein kommerzieller Mißerfolg war. Auch Woodrells zweites Werk, gerade von Ang Lee als "Ride with the Devil" verfilmt, war ein Flop, obwohl es sich dabei wahrscheinlich es um einen der besten Bürgerkriegsromane handelt (der als Western nur mit Cormac McCarthys Klassiker "Blood Meridian" vergleichbar ist).


Das Buch folgt dem jungen Ich-Erzähler auf seiner blutigen Spur an der Seite der Freischärler unter dem berüchtigten Quantrill. Mit jedem zündenden Satz verbrennt Woodrell dabei die Hollywood-Klischees über den Sezessionskrieg. "Die Amerikaner haben sich über das Buch zu Tode erschreckt, weil es vom Standpunkt der Südstaaten geschrieben ist", sagte Woodrell im Interview. "Ich bekam keine Rezensionen nördlich der Dixon-Linie. Keiner wollte wissen, was hier wirklich los war. Es war wie in Bosnien." Die Sprache des Romans ist filmisch und hypnotisch. Der 35-Millionen-Dollar-Film floppte in den Staaten ebenso wie das Buch, das in der Erstauflage gerade einmal 2600 Exemplare verkaufte.


Die beiden nächsten Shade-Romane liefen ebenfalls nicht besonders. Einigen verblödeten Kritikern galt Woodrell gar als eine Art James Lee Burke ohne Abitur. "Ich war so wütend, daß ich vier Jahre nichts mehr schrieb. Ich wollte nur einige dieser Rezensenten treffen und ihnen die Scheiße aus dem Leib prügeln." Dann schlug Woodrell mit "Stoff ohne Ende" zu - einem Country-Noir, in dem er seine Technik perfektionierte, jedes Kapitel wie eine Kurzgeschichte aufzubauen: kurz, abrupte Eröffnungen, schnelle Schlüsse. Das Ganze ist allerdings mehr als nur die Summe seiner Einzelteile; Woodrell hält dabei stets die Regeln des Noir-Romans ein. Die Verdammten bleiben bei ihm verdammt; keine heruntergekommene Nutte wandelt sich zur treusorgenden Hausfrau; der Autor mißachtet jede einengende Tradition und romantisiert seine Außenseiter nicht. Wenn sie jemanden umlegen und verbuddeln, beten sie nicht am Grab, sondern pinkeln auf die Leiche. Sie leben hart und schnell, saufen, schlucken Drogen, taumeln zwischen Hoffnung und Fatalismus und träumen Träume, die regelmäßig zusammengetreten werden: "Daß ihr Traum nur eine Phantasie ist, an der man sich eine Weile festhält, die aber eines scheußlichen Nachts, ein Stückchen weiter die Straße des Lebens hinab, erschlaffen und sich um ihren hübschen Hals zusammenziehen wird."


Endgültig als Poet des Trailer-Park-Trash abgestempelt, kann Woodrell mit dieser Schublade heutzutage mehr schlecht als recht leben. Neben der "Jerry Springer Show" und den neuen Trash-Bands ist er zum herausragenden Protagonisten des häßlichen Amerikaners geworden, mehr noch als sein kaum weniger begabter Kollege Joe R. Lansdale (siehe EVOLVER-Review von "Drive-In"). Woodrell schreibt wie ein Bastardsohn von Raymond Chandler und Erskine Caldwell. In seinen Dialogen, Bildern oder Vergleichen wird der Einfluß von Chandler deutlich, ohne daß Woodrell jedoch zum Epigonen wird: "Ich sah ihn an und dachte, es stimmt wohl, daß uralte Menschen plötzlich wieder wie Kinder aussehen können, wie wenn bei einem Auto der Kilometerzähler umspringt und wieder bei Null anfängt. Nur daß es inzwischen ein klappriges Vehikel ist."


"Tomato Red" ist noch düsterer als "Stoff ohne Ende", der ebenfalls in West Table spielt, wo die eiserne Regel gilt: Du bist das, wo du geboren wurdest. Und wenn du im Slumviertel Venus Holler geboren wurdest, bist du gar nichts. Dort ist man nicht so anmaßend, leben zu wollen, dort ist man froh, zu überleben. Der "Held" Sammy ist natürlich wieder ein echter Verlierer, der in die Fallstricke des Noir-Romans gerät: Sex und Gewalt. Aber Sammy verkündet auch die Erkenntnisse eines Linksaußen, der jeden Glauben an gesellschaftlichen Fortschritt verloren hat: "Die Reichen können sich entspannt zurücklehnen. Wir können nie einen richtigen Krieg gegen sie anzetteln. Denn die Reichen können uns jederzeit kaufen, damit wir uns gegenseitig umbringen."


Woodrell ist das Sprachrohr für die, die nichts mehr zu verlieren haben. Für den Poeten des Lumpenproletariats gilt, was er über sein Alter ego in "Stoff" protokollierte: "Er lebte den Schund, den er schrieb."


The Death of Sweet Mister

The Death of Sweet Mister

Originaltitel: The Death of Sweet Mister, 2001

No Exit Press, 2002

224 Seiten

Roman

Inhalt:

Ein schicksalsschwerer Sommer im Leben des 13jährigen Morris "Shuggie" Atkins - übergewichtig, ohne Freunde, mit einer ödipalen Nähe zu seiner Mutter Glenda, mit der er sich den Job als Hausmeister des örtlichen Friedhofs teilt. Während Glenda sich die Zeit mit Alkohol und Flirts vertreibt - ihren Sohn eingeschlossen, der sich ihrer physischen Präsenz mehr und mehr bewusst wird, schneit gelegentlich ihr Mann Red rein. Der könnte sogar Shuggies Vater sein, aber so recht weiß das niemand. Manchmal bringt Red Drogen, Diebesgut oder etwas Kohle mit, meist aber nur eine Tracht Prügel. Um seinen familiären Pflicht gerecht zu werden (und nicht ein weiteres Mal in den Knast zu wandern), bindet er den Jungen ins Familiengeschäft ein: Einbrüche bei Ärzten und Kranken, um an Drogen und Medikamente zu kommen. Als eine von Glendas Affären ihr ein bisschen Hoffnung auf einen Ausweg aus ihrem Leben gibt, legen sich dunkle Wolken über sie und Shuggie, die den Geruch des Todes mit sich bringen.


Kommentar:

Im Gewand eines seiner White Trash-Szenarios transportiert Woodrell eine Geschichte mit den Ausmaßen einer klassischen Tragödie - Betrug, Intrigen, Liebe, Hass und Mord. Aber es ist nicht die Sprache der Bühne, die da über die Buchseiten kriecht, es ist die der Ozarks. Hart und direkt und unverblümt. Und es sind keine abstrakten Theaterfiguren, kein gemaltes Bühnebild, sondern die bittere Realität der weißen Unterschicht. Jeder Charakter ein Drama in sich, vom Schicksal an den Haaren gepackt und durch den Schmutz gezogen. Scheiß auf Hoffnung, scheiß auf Moral. Ihnen geht es dreckig, ihnen wird übel mitgespielt - sie torkeln durch den verschmutzen Bodensatz des Lebens. Aber gleichzeitig schmieren sie sich damit ein, tauchen darin unter, bis ihnen die Kloake über den Schädel schwappt. Das ist es, was Woodrells Figuren so eindringlich macht - sie sind keine angemalten Pappfiguren, keine völligen Klischees. Sie machen Fehler, bekommen eins auf die Schnauze. Stehen auf, machen wieder Fehler und bekommen noch einen in die Fresse. Was lernt man daraus? Nichts. Fast nichts. Nur das eine: Sie sind menschlich.



Tomato Red

Tomato Red

Originaltitel: Tomato Red, 1998

Rowohlt
192 Seiten
Roman

Inhalt:

"Nö. Ich denke mir, ich mach einfach so weiter und reiß die Tage ab, weißt du, bis ich eines Tages so komplett Scheiße baue, dass die Zukunft abgesagt ist. Oder alles im Voraus festgelegt. Die Chancen dafür stehen einigermaßen hoch."

Tomatenrot sind die Haare der neunzehnjährigen Jamalee Merridew, die mit ihrem bildhübschen Bruder Jason im miesesten Viertel von West Table, Missouri, lebt. Mit ihrer Mutter Bev, die im Haus nebenan zahlungskräftige Herren empfängt, versteht sie sich nicht gerade bestens. Als sich der junge Herumtreiber Sammy mit den Geschwistern zusammentut, sieht Jamalee die lang ersehnte Chance, endlich aus ihrem gottverlassenen Heimatkaff auszubrechen. Aber alle Versuche, das nötige Kleingeld zu organisieren, scheitern kläglich, und - schlimmer noch - die drei bringen die anständigen Bürger des Städtchens gegen sich auf. Eines Tages ist Jason verschwunden, seine Leiche wird in einem Schlammtümpel treibend aufgefunden. An einen Unfall wollen Jamalee, Sammy und Bev nicht glauben, doch als sie der Sache auf den trüben Grund gehen wollen, fängt der Ärger erst richtig an …


Kommentar:

Der Revolver war in ihrem Haus und in ihrem Kopf, und bei jedem neuen Sonnenuntergang spürte ich, dass wir einem richtigen Verbrechen wieder ein Stück näher gekommen waren.

Das Leben ist leer. So inhaltslos wie eine ausgesoffenen Bierflasche. Der schmutzige Lebensrest wird mit Speed und mehr Bier aufgeweicht, mit Sex versetzt, um irgendwie weiter zu machen. Scheiß auf den Job in der Hundefutterfabrik, Scheiß auf alles. Das Schicksal hat diese Leere gleich bei der Geburt mitgeliefert, intravenös eingespritzt. Du hast schon verloren, noch ehe du das erste Mal dagegen anschreien konntest. Wenn du klug bist, schreist du später nicht mehr. Der ein oder andere Versuch, dir was aufzubauen, aber was erwartet dich groß? Auf Leere baut sich schlecht, man sieht sie dir an. Also bring die Tage irgendwie herum, sitz auf der Veranda eines miesen, kleinen Häuschens, starr auf den Schmutz und Dreck, gelegentlich mal auf den Sonnenuntergang. Trink, wirf ein paar Pillen ein, irgendwann knipst dir das Schicksal das Licht aus.

Woodrells Ozark-Universum ist der heimelige Platz für Verlierer. Arm und dreckig und mies - wenn du aus dem Mutterleib in diesen Sumpf plumpst, kriegst du den Gestank niemals mehr ab, egal wie sehr du dich bemühst. Und wenn du doch versuchst zu entkommen, rümpft jeder die Nase. Du landest tot im Graben, wenn du Glück hast. Oder du machst weiter in der Leere, während du an dem Bisschen Traum und Hoffnung langsam erstickst. Die Protagonisten haben nichts, sie gewinnen nichts und es macht ihnen kaum etwas aus. Es sind keine Noir-Helden im klassischen Sinne, die aus Habgier das große Ding drehen und alles geht schief, oder die das Schicksal in einer irrwitzigen Verkettung von Zufällen das Genick bricht. Ihre Habgier ist müde, abgeschliffen vom Frust des Lebens, zu viel Alkohol und Drogen. Zufälle gibt es nicht, nur die kotbeschmierte Straße hinein ins Nichts. Das Genick ist schon längst gebrochen. Das Nichts heißt West Table und ist genau der Ort, der einen erblinden lässt, wenn man zu lange auf eine gottverdammte Stelle starrt.



Stoff ohne Ende

Stoff ohne Ende

Originaltitel: Give Us A Kiss, 1996

Rowohlt
222 Seiten
Roman

Inhalt:

Der Mond hatte Blut im Gesicht. Nachtwind kam auf und verhieß mieses Wetter. Die hohen Bäume kriegten das Zittern, wie paranoide Junkies, und das Rascheln des Laubes klang wie blödsinniges Speed-Geplapper.

Doyle Redmond ist ein Hinterwäldlerschriftsteller. Mitte Dreißig, hat er sich frei gestrampelt von seinen trüben Kindheit, ein paar Bücher veröffentlicht, ein bisschen studiert. Aber den Geruch der Ozarks kann er nicht abstreifen. Er wird immer ein Hillbilly bleiben, zu roh ist seine Natur, zu gewalttätig das Blut in seinen Adern. Als er seine Frau verlässt und dabei ihren Wagen stiehlt, zieht es ihn zu seinen Ursprüngen zurück - in die Ozark Hills, Missouri. Hier waren die Redmonds einst eine reiche Familie, bis Opa Panda sich aus einem Mord freikaufen musste. Seitdem lebt die Familie im Dreck. Doyles Bruder, Smoke, versteckt sich hier vor der Polizei, bei ihm seine Geliebte Big Annie und deren hübsche Tochter Niagra. Und die Drei spannen Doyle für einen großen Coup ein - dem illegalen Anbau von Haschpflanzen. Nur mischt sich ein anderer Hillbilly-Clan in die Sache ein, die skrupellosen Dollys. Eine Eskalation ist vorprogrammiert, denn das Redmondblut ist dazu verdammt, Unheil anzurichten.


Kommentar:

Dann zielte ich auf den Dolly und leerte das Magazin des Ladystinger in seinen Rücken. Kleine Blutwölkchen spritzten hoch, so ähnlich wie die Spritzer, wenn man Pennies in einen Wunschbrunnen wirft.

Woodrells Ozark-Universum - degenerierte Hinterwäldler, verkommene Familienclans, miese Kleinstädte, Slums und ein paar Villen dazwischen. Alles von außerhalb ist fremd und stört nur. Ein Ausbruch aus diesem Gefüge kaum möglich. Die eigenen Wurzeln stecken zu tief in der Erde der Ozarks, nur ein Axthieb kann sie trennen. Das Blut selbst scheint aus den Eingeweiden der Hills zu stammen und wird dickflüssig in sie zurückkehren. Du bist, was du bist und vor allem woher du bist. Nichts kann dich davon befreien und du kehrst hier her zurück um zu krepieren. Dazwischen hast du Träume und Hoffnungen, die so regelmäßig zerplatzen, wie die Sonne aufgeht. Aber macht nichts, du kannst sie in Alkohol einlegen und mit ein bisschen Hasch reanimieren, in sternklaren Nächten hervorzerren und dich in Sicherheit wiegen, ehe die sengende Hitze dir am nächsten Morgen das Leben aus dem Leib brennt. Ozark Hills - etwas, das als Country-Noir durchgeht. Dreckig und duster und hoffnungslos.

Der amerikanische Traum wird nicht nur in den Gettos der Großstädte demontiert, nein, auf ihn wird auch im Hinterland gepinkelt. Dann jagt man ihm eine Kugel durch den Kopf und verscharrt ihn im Wald. Zumindest, wenn es nach Woodrell geht.



John X.

John X.

Originaltitel: The Ones You Do, 1992

Rowohlt
220 Seiten
Roman

Inhalt:

John X., Billardprofi mit Sehschwäche und alternder Frauenheld, lebt ein heruntergekommenes Leben mit zu viel Fusel und zitternden Händen. Aber es geht immer noch schlechter ... Als seine junge Frau ihn verlässt und dabei noch einen Batzen Kohle abzockt, die John X. für den brutalen Killer Lunch aufbewahrte, muss er auch dieses klägliche Leben aufgeben. Zusammen mit seiner fünfzehnjährigen Tochter Etta flüchtet er in einem alten Laster in das Bayou-Kaff St. Bruno. Ein Ort mit Vergangenheit, denn hier lebt Johns erste Frau mit ihren drei Söhnen, denen John erst einmal auf der Tasche liegt. Nur schade, dass in St. Bruno - auch als Frogtown verschrien - nach all den Jahren noch so etliche Dinge im Argen liegen. Ganz abgesehen vom Killer Lunch, der sich nicht so einfach abschütteln lässt …


Kommentar:

Erst mal sacken lassen ... - der Lieblingskommentar von Protagonist John X. - und ja, in Woodrells country noir-Kosmos sackt alles, nur leider immer tiefer. Geradewegs abwärts. Versoffene und verhurte Typen, Frauen zwischen Schlampe und Cowgirl, sadistische Killer - auf schmutzigen Dorfstraßen, in wackligen Hütten und miesen Spelunken. Allesamt verloren, ohne Hoffnungsschimmer. Irgendwie weiter dahintreiben, wie die aufgeblähten Kuhkadaver bei der letzten Flut. Immer wenn es so aussieht, als könnte das Schicksal Dir nichts Übles mehr wollen, versetzt es Dir einen heftigen Tritt zwischen die Beine. Der Schmerz lässt sich ertragen - mit ordentlich Alkohol, Drogen oder einem schnellen Fick. Aber am nächsten Morgen geht die Chose wieder von vorne los.

Woodrell ist kein literarischer Wunderjunge, sein Stil manchmal etwas simpel. Aber er passt in diese Welt, hämmert den letzten Rest Sitte und Anstand aus dem Schädel, damit die öde Trostlosigkeit seines Ozark-Universums greifen kann.



Cajun Blues

Cajun Blues

Originaltitel: Under the Bright Lights, 1986

Hafmanns
192 Seiten
Roman

Inhalt:

Rene Shade, Bulle in Saint Bruno, macht sich bei schweißtreibenden Temperaturen auf, den Mord an einem farbigen Politiker aufzuklären, egal, was der Bürgermeister und sein Vorgesetzter dazu sagen. Während er sich durch die heruntergekommene Stadt quält, beginnt der blondhaarige Hinterwäldler Jewel Cobbs zu träumen: davon, dass er ein Profikiller ist. Also lässt er sich von seinem Cousin und dem zwielichtigen Pete Ledoux anheuern, den Besitzer eines Pornoschuppens umzunieten. Mit einer abgesägten Schrotflinte macht er sich ans Werk, nicht ahnend, dass er nur ein kleiner Bauer in einem korrupten Spiel und so gut wie tot ist. Aber auch die kaltblütigen Strippenzieher müssen feststellen, dass ein jeder Plan schief gehen kann.


Kommentar:

Woodrell rotzt seinen typischen Saint Bruno-Scheiß raus - gewohnt flüssig, gewohnt deprimierend, gewohnt gut. Die zweihundert Seiten sind vorbei, ehe man sich den Dreck und Schweiß, mit denen diese abgehalfterte Stadt einen voll spritzt, abgewischt hat. Amerikanischer Traum? Gibt es nicht. Nur seine Kehrseite aus Korruption, Blut, Schmerz und Tränen. Aber ganz klar, am Ende kriecht alles wieder dahin, wo es hergekommen ist: in den stinkenden, urzeitlichen Sumpf.

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Deutscher Titel Originaltitel Jahr
Cajun Blues Under The bright Lights 1986
Zum Leben verdammt Woe to Live On (Ride with the Devil) 1987
Zoff für Bosse Muscle For The Wing 1988
John X. The Ones You Do 1992
Stoff ohne Ende Give Us a Kiss 1996
Tomato Red Tomato Red 1998
- The Death of Sweet Mister 2001
- Winter's Bone: A Novel 2005

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