

Schwarzer Freitag
Originaltitel: Black Friday, 1954
Serpent's Tail
434 Seiten
Inhalt:
Winter in Philadelphia - Schnee und Eis halten die Stadt im Würgegriff. Eine schlechte Zeit, um auf der Flucht zu sein. Noch schlechter, wenn man wegen Mordes gesucht wird. Hart, bis vor kurzem noch Besitzer einer Jacht, hat nun nichts mehr außer den Klamotten am Leib. So driftet er durch die abweisende Stadt, mit dem vagen Ziel, sich ins Ausland abzusetzen. Doch ohne Geld ist das nur ein unerfüllbarer Traum.
Als er in einer Seitengasse Zeuge einer Schießerei wird und dem Opfer zu Hilfe eilt, drückt ihm der sterbende Mann eine Brieftasche mit $11.000 in die Hand. Ehe Hart Zeit zum Nachdenken hat, ist er schon auf der Flucht vor den Todesschützen. Zwar gelingt es ihm, das Geld zu verstecken und einen der Verfolger zusammenzuschlagen, doch die beiden Killer kassieren ihn schließlich ein. Ihr Anführer ist ein Mann namens Charley, ein harter und skrupelloser Gangster. Im Glauben, ihr Gefangener sei ebenfalls ein professioneller Verbrecher, gewähren sie ihm Unterschlüpf bei sich. Eingepfercht in einem kleinen Häuschen warten sie darauf, ein ganz großes Ding durchzuziehen. Hart bleibt am Leben, so lange er den Berufsverbrecher mimen kann. Doch das ist gar nicht so einfach, als er sich auf eine Romanze mit Charleys Geliebter einlässt. Bis zum Stichtag sind es noch ein paar Tage, der ist allerdings ein Freitag … der 13.
Kommentar:
Ein harter Noir-Roman, nicht so sehr im Sinne von brutaler Gewalt (wobei Goodis hier in schon fast grotesker Art einer Leiche entsorgen und Wachhunde ihre Arbeit tun lässt), sondern in den zwischenmenschlichen Untertönen der Hauptfiguren. Hart, der Mörder, der alles bis auf sein Leben aufgegeben und verloren hat. Charley, der alternde Gangster - so kalt wie der Winter in Philadelphia. Seine drei Partner und die beiden Frauen Frieda und Myrna. Sie alle halten sich versteckt in einem Wohnhaus, eingeschlossen nicht nur durch die beißende Kälte, sondern vor allem durch ihr gegenseitiges Misstrauen. Während der eisige Wind an den schlecht isolierten Fenstern rüttelt, entspinnt sich ein komplexes Gefüge zwischen den Figuren. Konzentriert auf engstem Raum stoßen da Liebe und Hass, Hoffnung und Verbitterung, Mitgefühl und Kaltherzigkeit aufeinander. Eine explosive Mischung, deren Lunte mehr als einmal anfängt zu brennen und nur mühsam gelöscht werden kann. Die Verlierer - denn solche sind es, wie fast immer in Goodis' Geschichten - drehen sich umeinander, beäugen sich misstrauisch, bemüht, ihrem Leben zu entkommen und dennoch in der vagen Ahnung, dass ihnen ein schwarzer Freitag bevorsteht.
Der zweite Teil des Bandes besteht aus einer Auswahl an Kurzgeschichten aus der immensen Masse, die Goodis im Laufe seiner Karriere herausgehauen hat. Sie passen sich großteils nahtlos in die typisch Pulp-Kost der Groschenheftchen ein. Abenteuergeschichten, überdreht knifflige Kriminalfälle (mit Goodis' einzigem Beinahe-Serienhelden, dem Bullen Rico) und dann am Ende drei kurze Reißer, die noch einmal sein ganzes Können zeigen.
The Dead Laugh Last
Come To My Dying!
It's A Wise Cadaver
The Time Of Your Kill
Never Too Old To Burn
The Plunge
Caravan to Tarim
The Blue Sweetheart
Professional Man
Black Pudding
Man Without A Tongue
The Case Of The Laughing Queen




Der Mond in der Gosse
Originaltitel: The Moon in the Gutter, 1953
Serpent's Tail
183 Seiten
Inhalt:
Bill Kerrigan, ein zäher Dockarbeiter, leidet unter dem Selbstmord seiner Schwester. Tief in seinem Inneren vermutet er, dass es jemanden geben muss, der sie in den Tod getrieben hat. Doch in den trostlosen Nächten der noch trostloseren Vernon Street gibt es nichts, was er tun kann. Armut, Alkoholismus und Prostitution sind allgegenwärtig, sind Teil seiner Vergangenheit. Seine Wurzeln liegen tief in diesem heruntergekommen Straßenzug begraben. Schmerz, Sehnsucht und Resignation. Als ihm die blondhaarige Loretta Channing begegnet, flammt noch einmal ein Traum auf, diese Umgebung zu verlassen. Mit der reichen Schönen ein anderes Leben zu führen. Doch sind die Band zu seinem alten Leben viel zu stark und das Verlangen nach Loretta macht sein Dasein noch ein Stück weit mehr zur Hölle.
Kommentar:
Wie eine Motte das sengende Feuer umkreist, so flattern die Bewohner der abgewrackten Vernon Street um ihre Träume und Hoffnungen. Nur ist es bei ihnen der Mond in der Gosse, der das verführerische Licht birgt. Oder das Blondhaar einer schönen Frau. Am Ende bleibt es gleich, denn sie alle gehen in Flammen auf. Vorher reißen sie sich noch selbst die Flügel aus, um der Hölle auch keinesfalls entgehen zu können. So ist es mit Kerrigan, der innerlich weiß, dass er seiner Vergangenheit (wie alle Noir-Antihelden) nicht entgehen kann, mit seinem abgehalfterten Bruder Frank, dessen Alkohol und Paranoia nicht enden wollen, oder mit Bella, die sich in Kerrigan verliebt und ihn zu verlieren droht, als er seinem Traum hinterher kriecht. Und so ist es mit all den Huren, Drogenbrüdern, Alkoholikern, den kleinen Arbeitern, den Bettlern und Taugenichtsen. Sie umschwirren ihren stinkenden, überfüllten, schmutzigen Mikrokosmos, während ihr bisschen Hoffnung, dass alles doch noch besser wird, regelmäßig im Rinnstein landet. Goodis als Meister der Gossenpoesie, der Slumromantik. Unerreicht.


The Wounded and the Slain
Originaltitel: The Wounded and the Slain, 1955
Hard Case Crime
252 Seiten
Inhalt:
Das Leben des Versicherungsmannes James Bevan und seiner Frau Cora ist eine einzige Qual. Nach ein paar Jahren Ehe hat sich ihre Beziehung vollkommen abgekühlt. Cora ist frigide, James frustriert und ertränkt seinen Kummer in Alkohol. Ein Urlaub auf Jamaika soll sie wieder auf die rechte Bahn bringen, doch in Kingston wird alles nur noch schlimmer. Der Suff hat Bevan fest im Griff und treibt ihn immer weiter von seiner Frau fort. Und die sucht Schutz in den Armen eines anderen Mannes. Nur dass sie auch dort kein Glück erwarten wird, denn zu stark wird sie von einem schockierenden Kindheitserlebnis gequält. Als Bevan eines Nachts ins Slumviertel aufbricht, um sich voll zu schütten, geraten die Dinge völlig aus dem Ruder. Er tötet einem Mann in Notwehr und flieht, wird aber bald darauf von einem Fremden erpresst, der alle Beweise zu Bevans Ungunsten manipuliert hat.
Kommentar:
Es kann jedem passieren - das ist der Unterton einer klassischen Goodis-Novelle. Keine hochtrabenden Gangster, keine High Society-Typen, die in Bedrängnis geraten, keine toughen Privatdetektive, die sich mit Fäusten einen Weg aus den Problemen bahnen. Der Typ von nebenan, der kleine Gauner, das durchschnittliche Ehepaar - die Verlorenen, Hoffnungslosen, sie sind es, die einen Goodis-Roman bevölkern. Die durch unglückliche Umstände, aber vor allem durch eigene Unfähigkeit die Hölle finden. Und zwar nicht irgendeinen mystischen Ort, sondern die Welt da draußen.
An ihnen selbst liegt es, sich dieser Hölle zu entziehen, das letzte bisschen Stolz und Mut zusammenzukratzen, um dem Suff, der Armut, den eigenen Dämonen zu entgehen. Oder daran zu scheitern. Das Leben danach wird nicht das Paradies. Aber es ist das einzige, was sie haben - ihr Leben.
The Wounded and the Slain ist genau eine solcher Pfad zur Erlösung - jeder Meter Weg ist mit Klingen bestückt, die den Protagonisten das Fleisch von den Knochen schneiden, bis sie nackt und bloß an die Grenzen ihres Daseins stoßen. Erkennen, was sie sind - was sie nicht sind - und damit leben … oder daran verrecken. Goodis beleuchtet dabei beide Protagonisten, offenbart in ihnen Abgründe, die sie nur um so menschlicher erscheinen lassen. Verliert dann gegen Ende etwas die Spur, bleibt zu eng bei James Bevan, während Cora nur noch einmal zu ihrer eigenen Läuterung herangezogen wird. Man muss es mögen, dieses Durchlesen der inneren Tortur. Kein Psychokillergequatsche, nicht einmal viel Psychoanalyse. Reine Durchschnittsmenschenhöllenqualen.


Cassidys Mädchen
Originaltitel: Cassidy's Girl, 1951
BlackMask Online
156 Seiten
Inhalt:
They say that a man needs a woman to go to hell with. Cassidy had two. One was Mildred, the wife who kept him chained with ties of fear and jealousy and paralyzing sexual need. The other was Doris, a frail angel with a 100-proof halo and a bottle instead of a harp. With those two, Cassidy found that the ride to hell could be twice as fast.
Der heruntergekommene Cassidy ist zufrieden damit, seine Tage als Busfahrer zu verbringen - in dauernder, beruhigender Monotonie. Nur er und sein Bus. Und abends erwartet ihn seine Frau Mildred, Streit und Sex. Rauer, drängender Sex. Und Alkohol in der schmierigen Hafenkneipe mit Blick auf den Delaware. Nur das Mildred nicht genug bekommen kann - an Sex und Geld. Im dreckigen Hafenwasser schwimmt auch schon ein fetter Fisch, der Vertreter … Deshalb setzt sie Cassidy vor die Tür und versenkt seine Klamotten im Fluss. Damit ist er frei. Frei, sich um die einsame Doris zu kümmern. Ein wahrer Engel, mal abgesehen vom Alkohol, der ihren Heiligenschein verklärt. Aber Cassidy ist bereit, ihr zu helfen. Nicht aus Liebe, sondern, um sich selbst zu bestrafen. Denn ein dunkler Schatten liegt auf seiner Vergangenheit. Und der gibt keine Ruhe. Bald schon ist Cassidy auf der Flucht.
Kommentar:
Goodis Universum wird bevölkert von Nachtschwärmern, Verlierern und Verlorenen. All jenen, die ihre Hoffnungen längst aufgegeben haben und nur noch müde lächeln, wenn einer von ihnen mit einer neuen ankommt. Sie haben kaum etwas, stehen immer an der Schwelle, auch dieses Bisschen noch zu verlieren. Das Leben schenkt ihnen nichts (und würde es ohnehin gleich wieder fortnehmen). Im großen Plan des Daseins haben sie keinerlei Bedeutung, sie sind Statisten in miesen, kleinen Jobs, in heruntergekommen Wohngegenden, in schmierigen Kneipen. Ihnen bleibt niemand, als die ihren, als jene anderen Verlorenen. Und Alkohol. Der große Suff, um der Tristes zu entkommen. Manchmal auch Sex. Viel Liebe ist nicht darin. Eine raue, brennende Körperlichkeit, vielleicht, um zu fühlen, dass man überhaupt noch ist. Irgendetwas, irgendjemand. Denn so ausgeblutet, so versoffen, so vergessen sie sind - Goodis Protagonisten hängen dennoch am Leben. An dem Bisschen, was es ihnen zugesteht. Versager, Nutten, Halsabschneider, Säuferin - in ihnen blüht eine urtümliche, seltsam bewegende Menschlichkeit. Das ist es, was Goodis zum Poet der Verlorenen macht. Diese Gossenpoesie tritt in Cassidy's Girl an den trüben Tag, zwischen Regen und Sturm - in der Gestalt von Cassidys Freunden - dem ausgebrannten Shealy dem Ganoven Spann und seiner Geliebten Pauline und schließlich auch in der abgebrühten Mildred. Das ist reinster Pulp mit Gewalt, Verbrechen und Sex. Aber das ist eben auch ein Quäntchen mehr.






Die Nacht bricht an
Originaltitel: Nightfall, 1947 (auch The Dark Chase, Convicted und Missing: Believed-Murdered)
Unionsverlag Verlag
192 Seiten
Roman
Inhalt:
Der Werbegrafiker Vanning hält sich in New York versteckt. Aus gutem Grund: er hat einen Mann getötet, einen Bankräuber. Aber nicht genug damit, dass ihn sein Gewissen quält - die Beute des Überfalls, eine schwarze Tasche mit einigen Hunderttausend Dollar, ist verschwunden. Vanning kann sich jedoch nicht erinnern, wo sie bei seiner Flucht abgeblieben ist. Sein Pech, denn da sind noch die Partner des toten Bankräubers. Und die Polizei ... Als eine schwüle, drückende Sommernacht in Manhatten anbricht, ahnt Vanning, dass die Zeit des Fliehens vorbei ist.
Kommentar:
Klassische Noir-Situation: unschuldiger Protagonist gerät in eine beinahe ausweglos scheinende Situation. Widrige Umstände und seine eigene Unfähigkeit setzen ihn in einer dauerhaften Flucht fest, einem Leben in den Schatten, einem Dasein in Angst. Was scheint in dieser Dunkelheit wärmer, als ein bisschen Liebe? In einer Zufallsbekanntschaft findet er sie. Aber kann er ihr wirklich trauen? Ist der Pfad der Furcht und des Misstrauens, den er begeht, schon zu weit beschritten?