Horace McCoy wurde in Pegram, Tennesse geboren. Seine Eltern bezeichnete er als »bücherreich und geldarm«.
Er besuchte Lehranstalten in Nashville, verließ mit 16 die Schule und arbeitete als Mechaniker, Handlungsreisender und Taxifahrer (im Rotlichtbezirk von New Orleans).
Während des Krieges diente er beim United States Army Air Corps und flog etliche Missionen als Bomberpilot und Aufklärungsfotograf. Er wurde verletzt und erhielt das Croix de Guerre für Heldenmut von der französischen Regierung.
Von 1919 bis 1930 arbeitete er als Herausgeber für das Dallas Journal in Texas. Dort wurde er auch Mitbegründer des Dallas Little Theatre. Er heiratete und bekam einen Sohn, kümmerte sich jedoch mehr um das Leben der High Society in Dallas.
In den späten 20ern begann er seine Kurzgeschichten in Magazinen wie Detective-Dragnet und Detective Action Stories unterzubringen. Im Dezember 1927 veröffentlichte Black Mask THE DEVIL MAN.
Er wurde geschieden, verlor seinen Job als Herausgeber und schrieb weitere pulp-Geschichten, um sie an Magazine wie Action Stories, Battle Aces, and Western Trails zu verkaufen.
Arbeitslos während der Depression, zog er nach Los Angeles und versuchte sich erfolglos als Schauspieler. Er schlug sich als Hobo, Farmarbeiter, Leibwächter und kleiner Angestellter durch. Am Santa Monica Pier fand er eine Anstellung als Rausschmeißer bei einem Marathontanzwettbewerb. Was ihm Material für seinen Roman THEY SHOOT HORSES, DON'T THEY? (1935) lieferte. Hier heiratete er ein weiteres Mal.
Von 1931 an arbeitete McCoy in Hollywood, an Drehbüchern (u. a. für Western-Filme und Kriminalmelodramen) für Columbia Pictures, Paramount, Warner und andere.
Er starb an einer Herzattacke im Dezember 1955 in Hollywood.
Originaltitel: They Shoot Horses, Don't They?, 1935
Serpent's Tail, 1996
113 Seiten
Roman
Inhalt
I stood up. For a moment I saw Gloria aigain, sitting on that bench on the pier. The bullet had just struck her in the side of the head; the blood had not even started to flow. The flash from the pistol still lighted her face. Everything was as plain as day. […] She was relaxed and comfortable and she was smiling. It was the first time I had ever seen her smile.
Der Traum vom Film, das Herzstück Hollywoods, hat auch Robert Syverten erfasst. Und er ist so unerreichbar für ihn, wie die Sonne über dem Meer. Eine unerfüllbare Sehnsucht, reines Wunschdenken. Das verzweifelte Hoffen, nicht vielleicht doch noch entdeckt zu werden. Doch genug, um ihn schlechte Arbeiten ertragen zu lassen. Irgendwann, ja, irgendwann …
Als ihn die Zufallsbekanntschaft Gloria dazu überredet, an einem Tanzmarathon teilzunehmen, ahnt er nicht, dass er seine Träume begraben kann, sobald die Musik verklungen ist. Doch davor muss er noch durch die Hölle, die dort in einem heruntergekommenen Tanzpalast untergekommen ist. Eine Tour de Force durch Hunderte Stunden aus Musik, Tanz, inszeniertem Spektakel, Erschöpfung und Irrsinn. Während er sich mit Mona immer weiter im Kreis dreht, die von einer Bitterkeit zerfressen ist, an deren Ende nur eine Erlösungen warten kann.
Kommentar
Einer der großen Klassiker der Noir-Literatur, McCoys kurzer Alptraumritt durch die bunte Welt eines Tanzmarathons, dessen Hysterie und Irrsinn sich wie ein krankhaftes Geflecht um die beiden verlorenen Protagonisten legt. Die innerlich tote Gloria, getrieben von einem unerträglichen Hass auf die Welt und sich selbst. Und der leicht naive Robert. Sein Schicksal ist wie das der meisten Noir-Protagonisten bereits entschieden, als er seine Erzählung beginnt. Sein Untergang ist unausweichlich, wie bei James M. Cain oder David Goodis. Was McCoys Meisterwerk so intensiv macht, ist, dass es schon nach den ersten Seiten auch nicht einen Hoffungsschimmer gibt, dass Robert durchkommt. Der Mikrokosmos Tanzmarathon ist eine komprimierte Welt mit all den kleinen Schlechtigkeiten, die darin Platz finden: Einsamkeit, Armut, Lieblosigkeit, Irrsinn, Gewalt und … Mord. Und während das Orchester mehr schlecht als recht spielt, die Beine geschwollen, die Füße mit Blasen übersät sind, schleudert Gloria ihr Gift hinaus:
Welchen Sinn hat es, auf der Welt zu sein? Der Tod ist allemal besser.
I Should Have Stayed Home
Originaltitel: I Should Have Stayed Home, 1938
Serpent's Tail, 1996
113 Seiten
Roman
Inhalt
Sitting, sitting, sitting: I had been sitting since I came back from the courtroom, alone and friendless and frightened in the most terrifying town in the world.
Ralph Carson und Mona Matthews träumen von einer Filmkarriere im Hollywood des Jahres 1938. Er ein gut aussehender Naivling aus den Tiefen Georgias, sie seine scharfzüngige Mitbewohnerin (irgendwo zwischen großer Schwester und Mutterersatz). Als ihre Freundin Dorothy wegen Ladendiebstahls verurteilt wird, beleidigt Mona den Richter und wandert dafür ins Kittchen. In Hollywood nicht unüblich, ist das ihr Sprungbrett in die feine Gesellschaft: die schwerreiche, alternde Nymphomanin Ethel Smithers lädt sie zu einer ihrer legendären Partys ein. Es ist chic, einem Richter Beleidigungen an den Kopf zu werfen. Doch noch chicer findet Ethel den unbedarften (und noch unschuldigen) Ralph. Sie umgarnt ihn, malt ihm eine goldene Leinwandzukunft durch ihre Verbindungen aus. Für ein bisschen Zweisamkeit. Während er sich vergeblich bemüht, seiner Gönnerin nicht ins Netz zu gehen, entfernt er sich mehr und mehr von Mona. Die schäbige Welt aus einem miesen Mietshaus, Schulden und dem ewigen Warten auf den erlösenden Anruf aus dem Studio, wird ihm mehr und mehr zuwider. So schlägt er Monas Ratschläge in den Wind und geht auf Ethels Angebot ein …
Kommentar
McCoy, der selbst für Hollywood gearbeitet hat, wirft einen deprimierenden Blick hinter die Kulissen der Traumfabrik: schillernde Träume von Leinwandkarrieren, die für einen nicht enden wollenden Strom von Leichtgläubigen zu einem Pfad bitterer Selbstverleugnung werden. Die unerfüllbaren Hochglanzversprechen der Magazine. Das Warten auf den Anruf vom Studio, der niemals eingeht. Miese Aushilfsjobs, um die Zeit zu überbrücken. Und wenn sich die Tür in den Hollywood Olymp öffnet, ist dahinter nichts als degeneriertes, verkommenes Leben - flatterhafte Starlets, ölige Agenten und Snobs. Und trotzdem ist es alles, was sich der naive Ralph erträumt, egal, was es ihn kosten mag. Der unerfüllbare amerikanische Traum ist stärker als die Realität. McCoy haut das in knappen Sätzen raus, reiht die lebenden Leichen des Wunschdenkens entlang der schillernden Straßen Hollywoods auf - von den heruntergekommenen, armseligen Vororten bis hinauf in die Hügel mit ihren Pools und Villen. Einfach jeder kann ein Star sein, einfach jeder hat es in sich - ein deprimierender Selbstbetrug, der auch nach mehr als 60 Jahren seinen blendenden Glanz nicht verloren hat.
Schatten der Vergangenheit
Originaltitel: Kiss Tomorrow Goodbye, 1948
Ullstein Verlag
288 Seiten
Roman
Inhalt
Dem Gangster Ralph Cotter gelingt mit Hilfe der hübschen Holiday die Flucht von einer Gefängnisfarm, wobei er kaltblütig seinen Partner beim Ausbruch, Holidays Bruder, und einen Wärter niederschießt. Kaum in Sicherheit, beginnt Cotter bereits mit neuen Raubzügen, bei denen ihm ein Menschenleben nicht viel bedeutet. Doch als ihm unversehens belastendes Material über einen Inspektor in die Hände fällt, steigt seine Gier noch. Cotter will das große Geld. Zusammen mit dem zwielichtigen Anwalt Mandon, Holiday und dem Gangster Jinx reißen sie sich brutal das Schutzgeld einer Gangsterband unter den Nagel.
Und dann, nach einer heftigen Romanze mit der geheimnisvollen Margaret, öffnen sich für Cotter ganz neue gesellschaftliche Wege. Wären da nur nicht die Schatten der Vergangenheit ...
Kommentar
McCoys umfangreichster Roman noir, die Erfolgsgeschichte des skrupellosen, psychopathischen Verbrechers Ralph Cotter. Ein schmutziges Stückchen kapitalistischer Traum - angefüllt mit verkommenen, habgierigen Individuen, die sich mit Gewalt und Verbrechen durch eine amerikanische Großstadt fräsen. Allen voran der sadistische, arrogante Cotter (mit Universitätsabschluss), gefolgt von einer hysterischen Nymphomanin, einem verräterischen Hehler, gefährlichen Handlangern, korrupten Bullen, einem abgehobenen Esoterikarzt, einer durchgeknallten Millionenerbin und einem schmierigen, perversen Anwalt. Nicht eine Figur in diesem Mikrokosmos, die zur Identifizierung einlädt. Jeder ist durch und durch korrupt … oder wird es im Verlauf des Romans. McCoy liefert die Fortführung eines Gangsterepos a la Burnett, nur sind seine Figuren unweit fieser (realer), als die seines Zeitgenossen, sein Universum schwärzer - bar jeglicher Moral und Freundlichkeit. Es ist eine beschissene Welt, also mach das Beste daraus - egal mit welchen Mitteln. Raub, Erpressung, Mord - das innere, unlöschbare, schwarze Feuer für ein paar Momente besänftigt mit Geld und Sex. Es ist ein Trip über den Abgrund, der - entsprechend den Grundsätzen des Roman noir - nur mit dem Untergang des Protagonisten enden kann. Nicht, dass das die Welt auch nur ein Quäntchen besser machen würde. Was bleibt, ist das Wissen, dass alles so scheiße ist wie bisher. Ein Darsteller tritt ab, aber in die lange Schlange der Missratenen, Habgierigen, Verlorenen wartet schon der nächste Bewerber.
McCoys vierter Roman wurde zwei Jahre später, 1950, unter dem gleichnamigen Titel verfilmt. Und wer könnte einen sadistischen Psychopathen auf der Leinwand besser darstellen als James Cagney?