

Die Abreibung
Originaltitel: La Bonne Tisane, 1955
186 Seiten
Roman
Conte Verlag
Inhalt
Nach einem längeren Aufenthalt In Südamerika kehrt der zähe Gangsterboss René Lecomte, genannt der Graf, nach Paris zurück, um seine Geschäft auf Vordermann zu bringen und ein paar Rechnungen zu begleichen. Ihm zur Seite stehen sein Vertrauter Roger und seine Geliebte Maine. Doch entweder macht ihm das Alter zu schaffen, oder die Nachwuchsverbrecher sind besser geworden - schon bei der ersten Aufräumaktion kommt es zu einer Schießerei, bei der sich der Graf ein paar Kugeln einfängt. Doch so was kann einen wie ihn nicht umbringen, stattdessen schleppt er sich mit letzter Kraft ins nahe Krankenhaus. Dort beginnt gerade die erste Nachtschicht für die Schwesternschülerinnen Aline, Sylvie und Thérèse. Und deren jugendlicher Idealismus wird auf eine harte Probe gestellt, denn zwischen unleidlichen Kranken, mürrischen Schwestern und zudringlichen Assistenzärzten bleibt wenig Raum für höhere Gefühle. Ganz zu schweigen vom Bandenkrieg um Lecomtes Nachfolge, der sich vor dem Hospital zusammenbraut.
Kommentar
Amilas Die Abreibung trägt Züge einer schwarz gefärbten Seifenoper in sich. Für vierundzwanzig Stunden folgt er dem Leben sehr unterschiedlicher Protagonisten, die in ihrem Mikrokosmos von den Intensitäten eines ganzen Lebens eingenommen werden. Von Geburt bis Tod, von Liebe bis Hass, von Freude bis Todesangst, von Euphorie bis zu bleierner Erschöpfung. Drei unschuldige Krankenschwestern auf der einen, und eine Band abgebrühter Krimineller auf der anderen Seite. Die einen voller Idealismus, die anderen voller Zynismus. Und auf ihrer Weise dicht beisammen, in dem sie über Leben und Tod entscheiden.
Der Einbruch der glamourösen Gangster in den streng geordneten Alltag des Hospitals wirft für eine Nacht zwei unterschiedliche Welten aufeinander, doch im ernüchternden Morgengrauen sind die Grenzen wieder klar erkennbar und auf den Tod folgt die Liebe.
Highlights / Tiefschläge
Gerade im Handeln der Gangster liegt oft ein übertriebenes Maß an Slapstick, das der Dramaturgie der ansonsten niederdrückenden Nacht ein wenig die Schärfe nimmt.
Fazit
Aus den bisher im Conte Verlag veröffentlichten Amila-Romanen sicherlich einer der schwächeren. Auf unter zweihundert Seiten bleibt etwas zu wenig Raum, um die Anzahl an Protagonisten eingehender zu betrachten, auch wenn die Verquickung von Krankenhauspersonal und hartgesottenen Gangster sicherlich gelungen ist. Zum Einstieg in die Reihe eher ungeeignet, für treue Amila-Leser aber gute Unterhaltung. Zudem immerhin schon die fünfte Amila-Veröffentlichung im Hause Conte mit hoffentlich Raum für weitere Romane.


Motus!
Originaltitel: Motus!, 1953
175 Seiten
Roman
Conte Verlag
Inhalt:
Dédé ist Schleusenarbeiter. Der intelligente junge Mann hat eine reiche Tochter geheiratet, trotzdem lässt er die Plackerei am Fluss über sich ergehen. Er mag die Menschen dort, den Zusammenhalt unter den Schleusern.
Als in einer nebelgrauen Nacht der Kapitän der Hématite tot in der Schleuse treibt, gerät die Ordnung in diesem kleinen Mikrokosmos ins Wanken. Streit und Schlägereien stehen unter den Männern auf der Tagesordnung, aber ein Mord? Die Polizei verdächtigt den Schleusenchef Coutre. Doch als Dédé seinem Vorgesetzten helfen will und sich in die Geschichte einmischt, wird er selbst hinabgerissen in einen Strudel aus Korruption und Gewalt.
Kommentar:
Die Welt des Schleusenarbeiters Dédé ist ein Gefüge aus Falschheit, Korruption und Gewalt, zusammengehalten von gesellschaftlichem Zwang, Routine und dem Wissen, dass die Menschen um ihn herum nicht besser und nicht schlechter sind, als er selbst. Eine in sich gute, ehrenwerte Figur sucht man vergeblich - ein jeder hat seine kleinen und großen Abgründe und Geheimnisse. Da ist die Beziehung zu seiner Frau, die trotz seiner Liebe (oder gerade deswegen) die Hölle auf Erden ist. Dann das herablassende, besessene Verhalten der Familie, in die er eingeheiratet hat. Oder die dunklen Machenschaften der Oberen im Schleusenviertel. Selbst Dédés beste Freunde sind gezeichnet von Missgunst und Lüge. Das alles kulminiert in zwei nebelschweren Nächten, in denen sich die Schlechtigkeit in Gewalt und Mord entlädt und den Protagonisten geradewegs in einen Fieberalptraum stürzt, der stellenweise das Grauen eines Lovecraft-Romans erreicht.
Wer nun erwartet, sich in einem klassischen Krimi zu bewegen, wird zwangsläufig enttäuscht. Denn Amila schert sich einen Dreck um Konventionen und auch recht wenig um die Erwartungshaltung des Lesers. Vielmehr spiegelt er - ganz zeitlos - die Welt, wie sie zu oft ist. Die Verbrechen aus Korruption und Gewalt, ja selbst Mord, werden verschleiert und ein Status Quo des Zusammenlebens erzwungen: Du beißt mich nicht, dafür beiße ich dich nicht. Auch hier, wie schon in Mitleid mit den Ratten, ist der Titel des Romans ungemein passend. Denn Motus! Bedeutet soviel wie Pst! - als Hinweis, das jemand zu einer Sache schweigen soll. Und verschwiegen wird hier sehr viel - ein ganz menschliches Verhalten. Empfand man in den Ratten jedoch wirklich ein seltsames Mitleid mit den Protagonisten, so ist es in Motus! ein tiefer Widerwille, denn das Gefüge ist noch ungemein härter und dichter. Fast ist es, als würde man den Nebel und Geruch des Flusses spüren und mit ihm die Last des Lebens, die sich auf die Bewohner gelegt hat. Die dennoch weitermachen. Oder gerade deswegen - denn viel mehr als ihr Leben bleibt ihnen am Ende nicht. Wenn überhaupt.


Bis nichts mehr geht
Originaltitel: Jusqu'à plus soif, 1962
210 Seiten
Roman
Conte Verlag
Inhalt:
Es riecht nach Calvados. In dem kleinen Ort Nomville in der Normandie scheint sprichwörtlich alles am Alkohol zu hängen. Schon die Kinder in der Schule haben eine Schnapsfahne, vom Pfarrer ganz zu schweigen. Schwarzbrennerei erweitert das Bruttosozialprodukt. Das Fräulein, Marie Anne, als Grundschullehrerin zu ihrer ersten Anstellung hierher versetzt, nimmt den Kampf gegen den Alkohol auf. Dass ihr der junge Pierrot nicht aus dem Kopf geht, macht die Sache nicht leichter. Denn Pierrot strebt eine Karriere als Fahrer von Schmuggel-LKWs an.


Mitleid mit den Ratten
Originaltitel: Pitié pour les rats, 1964
212 Seiten
Roman
Conte Verlag
Inhalt:
Es ist eine scheinbar heile Welt, in die der junge Algerienfranzose Michel einbricht, als er dem alternden Einbrecher Julien Lenfant das Leben rettet. Lefant, seine Frau Yvonne und die 17-jährige Tochter Solange sind ein eingespieltes Team, ein Familienunternehmen, das sich mit Einbrüchen über Wasser hält. Sie leben in einem kleinen Häuschen auf einer Insel in der Seine, arbeiten und gehen zur Schule, nach außen hin beinahe eine ganz normale Mittelklassefamilie. Darin legen sie sich ihre kriminellen Handlungen zu einem entspannten Weltbild zurecht - Julien klaut nicht aus Profitgier, dabei darauf bedacht, seine Opfer nicht zu demütigen. Solange hilft ihm, während Yvonne potentielle Ziele auskundschaftet und das Diebesgut verkauft. Bis Julien während eines Bruchs von einem Polizisten angeschossen wird. Zufällig ist Michel zugegen, der den Schützen kurzerhand umbringt und den Schwerverletzten nach Hause transportiert. Lefant überlebt, Solange verliebt sich in Michel, der sich bei ihnen einquartiert. Schon bald entpuppt sich der junge Mann jedoch als politischer Auftragskiller - und mit Politik hat die Familie Lefant nichts am Hut. Doch sind sie schon zu tief in Michels Angelegenheiten verstrickt, um unbeschadet aus der Angelegenheit herauszukommen. Somit prallen zwei Welten aufeinander - die skrupellosen, politischen Aktivisten und die kleinbürgerliche Diebesbande. Beide empfinden nur Verachtung füreinander.
Kommentar:
Der nächste Streich in Sachen Amila aus dem Verlagshaus Conte und, vorne weg, ein sehr gelungener. Mitleid mit den Ratten hat alles, was ein eindringlicher Roman noir braucht - Verbrechen, Leidenschaft, Tragik. Das ganze kompakt und ohne störendes Beiwerk. Verspielte Mond über Omaha noch seine besten Momente, zeigt Mitleid keine Schwäche. Da entwickelt sich eine Sympathie für die Familie Lefant, der man als Leser eigentlich keine Sympathie schuldig ist - immerhin sind es Kleinkriminelle, die sich ihr illegales Handeln schönreden. Und dennoch erwärmt man sich für die Bande, spürt im Nacken die dunklen Wolken, die über ihrer (beinahe) kleinbürgerlichen Existenz aufziehen. Leidet auf den letzten Metern mit, ehe die Tragik die Figuren fortreißt. Alles was bleibt, ist Mitleid, denn für Hoffnung reicht es in einem Noir-Universum nicht.


Mond über Omaha
Originaltitel: La lune d'Omaha, 1964
212 Seiten
Roman
Conte Verlag
Inhalt:
Zwanzig Jahre nach der Landung der Alliierten in der Normandie wacht Sergeant Reilly über die Gräber seiner Kameraden am Omaha Beach. Als einziger Überlebender seines Zuges sieht er sich in der Pflicht, ihnen die letzte Ehre zu erweisen. Ihre weißen Kreuze stehen in Reih und Glied, der grüne Rasen ist tadellos gepflegt und nichts scheint die Ruhe des Gedenkens stören zu wollen. Erst beim Tod des Einheimischen Fernand Delouis, der die Gedenkstätte mit Dünger versorgt, stellt sich heraus, dass in den Gräbern nicht immer die liegen, deren Namen auf den Kreuzen verzeichnet sind …
Kommentar:
Das Grauen des Krieges ist kaum zu übertrumpfen. Amila beginnt seinen Roman mit einer gerafften Betrachtung des D-Days in der Normandie - ein Zug von GIs wird aufgerieben und kämpft ums nackte Überleben. Das ist intensiv und bedrückend. Schnitt, zwanzig Jahre später gibt es nur einen Überlebenden des Zuges, der ein mehr als klägliches Dasein fristet - er hält den Soldatenfriedhof instand. Dann taucht ein Ehepaar auf, dessen Vergangenheit ebenfalls unheilvoll mit dem Tag der Invasion verknüpft ist. Es folgt viel Gerede und persönliches Leid, nicht schlecht geschrieben, aber nur mit einer schwachen Wirkung nach den massiven ersten Seiten. So flacht die Geschichte merklich ab, leider, um dann auf den letzten Seiten noch einmal in bester noir-Manier anzuziehen.