



Revanche (Rückschlag)
Originaltitel: Recoil, 1953
Diogenes Verlag
207 Seiten
Roman
Inhalt:
Statt Jagen zu gehen, entschließt sich Pat Cosgrove spontan, die Bank in seinem Heimatstädtchen zu überfallen und ein paar Geiseln zu nehmen. Leider auch den örtlichen Richter, der nach dem Scheitern des kleinen Coups dafür sorgt, dass Pat die nächsten fünfzehn Jahre in der gefürchteten Strafanstalt Sandstone verbringt. Aus der holt ihn schließlich der Lobbyist Dr. Luther - wie es scheint, ein echter Menschenfreund. Doch so scheint es nur. Denn Cosgrove muss feststellen, dass er vom Knast direkt in eine Welt des Misstrauens geraten ist. Eine ganze Hauptstadt voller Lügner, Betrüger und Manipulatoren. Wenn Pat seine frisch gebackene Liebe zur hinreißenden Madeline retten will (und sich selbst), muss er teuflisch aufpassen. Falls er seinem neuen Schatz überhaupt trauen kann …
Kommentar:
Paranoia - das passende Wort für Thompsons Recoil. Wenn sie es überhaupt je besessen haben, haben seine Protagonisten das letzte Quäntchen Urvertrauen ausgeschwitzt. Was ihnen bleibt, ist ein tief sitzendes Misstrauen gegen die Welt im Allgemeinen und ihre Mitmenschen im Besonderen. Und sie haben auch allen Grund dazu. Denn in jedem Schädel steckt ein Hintergedanke, der den Blick einfärbt, bis weiß nur noch grau und der ganze Rest schwarz ist. Traue niemandem - weder deinem Geschäftspartner, deinem Anwalt und vor allem nicht deiner Frau. Sie ziehen dich nur über den Tisch, wenn du das nicht vorher tust.
Selbst der auf seine Art naive Cosgrove bekommt diese Wahrheit ziemlich schnell zu spüren. Nicht, dass ihm die Erkenntnis groß hilft. Er weiß so nur, dass sein Ende unweigerlich bevorsteht. Gefangen in einer Mausefalle, an deren Tür bereits die Katzen zerren. Was ihm, im Gegensatz zu den meisten anderen Thompson-Protagonisten, abgeht (und deshalb vielleicht retten kann), ist eine (soziopathische) Selbstsicherheit. Stattdessen stolpert er noch immer wie ein unbedarfter Achtzehnjähriger umher, den fünfzehn Jahre Folter und Gewalt überraschenderweise nicht über die Kante gestoßen haben. Er hängt irgendwo davor. Vielleicht ein Grund, weshalb Thompson ihn und ein paar andere glimpflich davonkommen lässt. Das allerdings schmälert Recoil, dem ein wirklich guter Noir-Augenblick innewohnt: Pats erste Begegnung mit Madeline ist reinster Pulp!




Getaway
Originaltitel: The Getaway, 1959
Diogenes Verlag
220 Seiten
Roman
Inhalt:
Carter "Doc" McCoy hat es auch nach zwölf Jahren Knast nicht verlernt: mit gnadenloser Präzision überfallen er und sein Team die Bank von Beacon City und entkommen mit $300.000. Mit von der Partie ist auch Docs Frau, die hübsche Carol. Die hat ihren Mann mit Hilfe des korrupten Geschäftsmanns Beynon vorzeitig aus dem Gefängnis geholt. Und der will einen Anteil an der Beute. Genau wie Rudy, der eigentlich tot sein sollte, aber mit Doc noch eine Rechnung offen hat. Damit gerät der sauber geplante Coup mehr und mehr ins Schlingern, denn Doc und Carol hinterlassen zwangsläufig ein paar Leichen. Bald sind sie das meist gesuchte Verbrecherpärchen und auf rasanter Flucht in Richtung Mexiko.
Kommentar:
Thompsons Charaktere in Getaway sind allesamt abgründig, schlecht und/oder tragisch. Vieles davon ging in den Filmadaptionen (mit Steve McQueen in Sam Peckinpahs Getway von 1972 oder der späteren Fassung mit Kim Bassinger und Alec Baldwin) völlig verloren. Allen voran ist es Doc McCoy, der eine absolut kaltherzige, pragmatische Seele ist, umgeben von seiner nicht weniger durchtriebenen Frau oder seinen Geschäftspartnern. Verbrechen, Gewalt und Mord sind der Kosmos, in dem sie sich bewegen. Wie abgefeuerte Kugeln, die alles durchschlagen, bis sie am Ende gegen eine Stahlwand prallen. Bis dahin hinterlassen sie eine Spur der Verwüstung, immun gegen Skrupel jeglicher Art. Das einzige, was zählt sind Überleben und Geld. Das einzige, was ihnen wirklich zu schaffen macht, ist Misstrauen. Ihre Welt ist keine metaphysische Hölle, sondern ein ganz normaler Alptraum, in dem es keine Option außer dem Tod gibt. Und als ihr Chronist verleiht ihnen Thompson etwas, das sich wie ein (blut)roter Faden durch sein Werk zieht und er den meisten Autoren voraus hat: Authentizität. Selbst den skurrilsten seiner Figuren haftet etwas beklemmend Reales an. Sie sind keine bloßen Literaturkonstrukte. Es ist, als spüre man ihr Fleisch und Blut, ihre brennenden Atemzüge. Ihre Nähe. Egal, was für Schweinehunde sie sein mögen. In Getaway kulminiert alles im fiktiven El Rey - aber die Hölle dort ist schon lange vorher in den Antihelden seiner Romane verwurzelt.




Muttersöhnchen (Die Abzocker)
Originaltitel: The Grifters, 1963
Diogenes Verlag
228 Seiten
Roman
Inhalt:
Roy Dillon lebt nicht schlecht als Trickbetrüger. Eine findige Masche bewahrt ihn davor, regelmäßig die Stadt wechseln zu müssen. Vielmehr hat er es sich in einem Hotelzimmer bequem gemacht, einen Batzen Geld beiseite gelegt und sich eine attraktive Geliebte geangelt. Diese heißt Moria und gerade als alles besonders glatt geht, will sie mehr - hauptsächlich, dass Roy mit dem Kleinkram aufhört und sich für großes Geld interessiert. Als der jedoch wegen ein paar Magengeschwüre beinahe das Zeitliche segnet, kommt der Geliebten keine andere als Lilly Dillon in die Quere. Die junge und gut aussehende Mutter, die sich ziemlich dominant in Roys Leben mischt und es vorziehen würde, wenn er die Betrügereien sein ließ. Und schließlich ist da noch die verführerische Krankenschwester Carol, die sich in Roy verliebt und nichts anderes will, als eine Heirat. Kaum wieder auf den Beinen, muss Roy sich zwischen einer der drei Frauen entscheiden. Wenn deren mörderischer Drang nicht vorher das Kartenhaus zum Einsturz bringt.
Kommentar:
Ein schnörkelloses Existenzdrama, durch und durch schwarz. Neben The Killer insinde Me (1952) und Pop. 1280 (1964) vermutlich einer der bekanntesten Thompson-Romane. Ein Mikrokosmos aus dauerndem Misstrauen, kaputten Familienbanden, dessen Zentrum schließlich Mord und Totschlag bilden. Und, in seiner unnachahmlichen Art, fächert Thompson nebenbei weitere Abgründe seiner Antihelden auf. In gewisser Weise ist das eine griechische Tragödie, die da in die amerikanische Großstadt getragen wird. Es ist die Kehrseite des amerikanischen Lebensgefühls - Gewalt, Habgier und Korruption sind alltägliche Wegbegleiter. Unterschwellig, aber immer präsent, bis sie schließlich hervorbrechen und Lilly, Roy und Moria damit geradewegs auf eine Katastrophe zu driften.
Aus dem Roman entstand 1990 ein sehenswerter Neo-Noir-Streifen gleichen Namens. In den Hauptrollen Anjelica Huston, John Cusack und Annette Bening. Thompsons Vorlage wurde von keinem geringeren als Donald E. Westlake als Drehbuch adaptiert (was diesem eine Oscar-Nominierung einbrachte).


The Golden Gizmo
Originaltitel: The Golden Gizmo, 1954
Vintage Crime / Black Lizard
192 Seiten
Roman
Inhalt:
Toddy Kent verfügt über einen sechsten Sinn, wenn es um Geld geht - sein "Golden Gizmo". Der ist allerdings nur bedingt zuverlässig und so ist sein Leben ein einziges Auf und Ab. Das dicke Geschäft als Chefpage in einem Hotel, der seinen Kunden jeden verbotenen Wunsch erfüllt, löste sich ebenso auf, wie seine kurze Armeekarriere, in der er als Schwarzhändler den Reibach machte. Was ihm am Ende blieb, waren seine Frau Elaine und ein Job als Goldankäufer. Erstere bereitet ihm die Hölle auf Erden - eine durchgedrehte, schrille Alkoholikerin Letzterer eröffnet Toddy durch einen dummen Zufall die Chance auf das ganz große Geld. Denn sein Gizmo schlägt wieder an. Bei seiner täglichen Tour durch die Vororte gerät Kent an einen geheimnisvollen Mann ohne Kinn und dessen singenden Dobermann, die mit Goldschmuggel Kohle einstreichen. Nicht zu vergessen die hübsche Dolores, die beim Kinnlosen lebt. Toddy könnte sofort ins Geschäft einsteigen, wäre da nicht ein Umstand, der ihm das Pflaster in der Stadt gerade heiß werden lässt: seine Frau wurde ermordet und alles deutet auf ihn selbst als Täter hin. Bleibt nur die überstürzte Flucht … oder das Auffinden des wirklichen Killers.
Kommentar:
Mittelmäßiger Thompson, der wieder mit einer Reihe skurriler Figuren aufwartet: einem kinn- und skrupellosen Goldschmuggler, seinem singenden Dobermann und einer völlig abgedrehten Ehefrau. Mit allerlei abgewrackten Örtlichkeiten aufpoliert (Bordelle, mexikanische Grenzstadt, etc.) und inhaltlich dicht gepackt, fehlt The Golden Gizmo die Abgründigkeit anderer Thompsons. Als Intermezzo ganz unterhaltsam, der Vollständigkeit halber Pflicht für Thompson-Maniacs.


Now and on Earth
Originaltitel: Now and on Earth, 1942
Vintage Crime / Black Lizard
254 Seiten
Roman
Inhalt:
Das Leben mit all seinen Schlaglöchern … James "Dilly" Dillon, Ex-Autor, und seine Familie fahren auf der holprigen Straße ihrer Existenz in eine ungewisse Zukunft. Das Geld ist knapp, sein Job in der Flugzeugfabrik die Hölle. Eingepfercht in einem zu kleinen Haus treten sich Dilly und seine Frau Roberta schon gegenseitig auf die Füße, was durch die zwei Kinder, seine Schwester Frankie und seine Mutter nicht viel besser wird. Jeder Tag birgt neue Qualen und Ungewissheit. Erziehungsprobleme, Schreibblockade, Alkohol. Dillons Leben ist eine teuflische Mixtur, aus der es kein Entrinnen gibt. Und seine Vergangenheit war noch schlimmer. Aber dennoch geht es irgendwie weiter. Überlebt man den Tag, die Woche, den Monat, die Jahre. Es ist ein Trip durch die höllischen Abgründe des Alltags, zwischen deren Dreck und Gestank das bisschen Liebe schimmert wie Gold. Zusammenhalten, durchbeißen, nicht untergehen. Außer dem nackten Leben hat man nicht viel, also sollte man es nicht verlieren.
Kommentar:
Thompsons frühe autobiographische Tour de Force durch das Leben einer Unterschichtenfamilie während der Kriegsjahre. Anschnallen und festhalten, denn die Löcher in dieser Einbahnstraße sind kaum auszuhalten. Wie viel Schläge in den Magen verträgt ein Mensch? Immer wieder aufgelockert von einem gehörigen Tritt zwischen die Beine. Dein Leben ist keine zehn Cent wert, also klammere dich mit einer Verzweiflung daran, die schon weh tut. Und trotzdem hält das bisschen Liebe und Vertrauen zusammen. Kann es knüppeldick kommen (und das tut es bestimmt!), bitter und schmerzhaft - es reicht nicht aus, um aufzugeben. Also press dir noch eine Geschichte heraus, um sie für ein paar Dollar zu verhökern. Trott zur Arbeit, auf der es auch nicht besser als daheim ist. Abends kannst du den Schmerz mit etwas Sex oder Alkohol betäuben. Morgen ist auch noch ein Tag. Er wird genauso schlimm wie der letzte.


The Transgressors
Originaltitel: The Transgressors, 1961
Vintage Crime / Black Lizard
254 Seiten
Roman
Inhalt:
In Big Sands, Texas, gibt es nicht viel außer Rindern, Öl und Klapperschlangen. Und wenn du an keinem davon viel Kohle verdienst, dann ist es deprimierendes Städtchen, um alt zu werden. Zumindest für Tom Lord, der sich als Deputy verdingt. Seine Mutter hat die Familie frühzeitig verlassen. Sein Vater wurde krank und Tom musste sein Medizinstudium abbrechen, um ihn bis zu seinem Tod zu pflegen. All zu viele Optionen hat er also nicht mehr. Und nach Jahren von Wüstensand und Texas-Slang, kann er sich kaum davon lösen. Denn sein einziger Ausweg - ein Landdeal - wurde ihm von ein paar Mafiatypen verbaut. Einer von denen war ein Typ namens McBride. Und den hat Tom Lord in einem Handgemenge umgebracht. Wenigstens glauben das der Sheriff, ein Mafiakiller und die Witwe. Vielleicht war es auch nur ein Unfall. Bei Tom Lord kann man da nie sicher sein. Er ist so zahm wie eine Klapperschlange. Und die knallt man am besten ab.
Kommentar:
Vertrauen ist ein schieres Ding der Unmöglichkeit, zumindest zwischen den Figuren eines Jim Thompson. Sie sind alle ein Haufen von Lügnern, Betrügern, Psychos und Mördern. Zumindest die meisten. Nehmen wir Tom Lord, Protagonist aus dem 61er The Transgressors: Anfang Dreißig, gut aussehend, intelligent. Ein Typ, dem alle Türen offen stehen. Wäre da nicht …, ja, wäre da nicht … Die Mutter, die ihn als Kind verlassen hat und deren Inkarnation im Jahre später begegnen sollte. Der kranke Vater, der sich ewig Zeit lässt mit dem Dahinsiechen, bis Toms Medizinstudium vom Staub auf der Straße fortgetragen wird. Ein Landdeal um Öl und viel Geld, der Lord aus dem stickigen Städtchen katapultieren könnte. Wenn ihn nicht ein paar Mafiatypen über den Tisch gezogen hätten. Seine Freundin Joyce, eine Hure, die eigene Pläne hat. Und der ganz schäbige Rest von Big Sands. Sie reichen schon, um einem das Leben zur Hölle zu machen. Aber das ist es nicht, nicht völlig. Denn eigentlich ist es Tom Lord gegen sich selbst. Seine lockere Texaner-Fassade gegen den hassenden, tödlichen Psychopathen. Letzterer blickt immer wieder bedrohlich durch die Augen des scherzenden Hilfssheriffs. Letzterer könnte es sein, der Bigs Sands mit ein paar übel zugerichteten Leichen verziert.


Texas an der Kehle (Kalte Füsse auf heissem Boden)
Originaltitel: Texas by the Tail, 1965
Vintage Crime / Black Lizard
212 Seiten
Roman
Inhalt:
Mitch Corey, ein Berufsspieler, zieht zusammen mit seiner Geliebten Red durch die Lande, um potentielle Opfer auszunehmen. Dabei ist er bei Leibe kein Falschspieler, greift aber zum ein oder anderen Kniff, um Kohle abzuzocken. Viel Kohle, denn sein Lebensstil ist nicht ohne, die verführerische Red will auch verwöhnt werden und dann ist da noch sein dreizehnjähriger Sohn, für dessen Schule er ebenfalls aufkommen muss. Dabei träumt das Pärchen von einem gemeinsamen, beschaulichen leben - niedergelassen in einem schnieken Haus, Wie gut, dass sie dabei schon $100.000 erspielt haben. Der Traum ist zum Greifen nahe …
Wie schlecht, dass Mitch noch eine Exfrau hat, die ihn ausblutet. Wie schlecht, dass er an die falschen Leute gerät - den Ölbaron Zearsfeld und die brutale Familie der Lords. Ihre Feindschaft lässt ihm den Schweiß ausbrechen. Und mit feuchten Händen lassen sich die Würfel nun gar nicht gut rollen. Dabei braucht Mitch unbedingt einen fetten Gewinn. Denn wenn Red herausfindet, dass er ihre Ersparnisse durchgebracht hat, wird sie ihn umbringen.
Kommentar:
Vermeintliches Happy End für zwei vermeintlich harmlose Thompson-Protagonisten. Weder Mitch noch seine Flamme Red sind typische Soziopathen seiner Noir-Schreibe. Das heißt nicht, dass sie deshalb so viel besser wären. Das heißt nicht, dass die Welt, in der sie sich bewegen, nicht schwarz und bitter ist, wie es ein Thompson-Universum sein muss. Da ist zum einen die degenerierte Familie der Lords, deren Clan bereits in seinem Transgressors aus dem Jahre 1961 anklingt. Niederträchtiger, skrupelloser Abschaum. Da ist der Ölmagnat Zearsfeld, der kein Quäntchen Mitgefühl sein Eigen nennt. Da ist Coreys Ehefrau, deren Sexualleben etwas aus dem Ruder läuft. Und schließlich zwei durchgeknallte, sadistische Killer. Wirklich verwunderlich, das Mitch und Red am Ende nicht das Zeitliche segnen müssen.


Heed the Thunder
Originaltitel: Heed the Thunder, 1946
Vintage Crime / Black Lizard
298 Seiten
Roman
Inhalt:
Der alte Lincoln Fargo hat in seinem Leben schon so ziemlich jedes Laster ausgekostet, aber ein gestohlenes Pferd ist das einzige, was sein Gewissen plagt. Sein Sohn Grant, ein unruhiger Dandy, verstrickt sich mehr und mehr in eine Affäre mit seiner verführerischen Cousine. Tochter Edie wurde von ihrem Mann sitzen gelassen und schlägt sich in einer Dorfschule herum, während ihr kleiner Sohn Robert mit seinen Cousins derbe Streiche ausheckt. Einzig der Brite Courtland nimmt sich ihrer an, doch ist der schon mit Edies Schwester verheiratet. Und hinter aller Rücken überschreibt Großmutter Pearl auch noch den Familienbesitz an niemand geringeren als den allmächtigen Herrn selbst. Die Fargos haben sich über Verdon, Nebraska ausgebreitet wie die Schmeißfliegen.
Kommentar:
Ein früher Thompson in Form einer Familiensaga. Spätere Soziopathen wie Lou Ford oder Nick Corey kündigen sich bereits an, treten aber noch nicht deutlich hervor. Es ist eher das unterschwellige Moment, das sich im degenerierten Farmersclan der Fargos festsetzt - häusliche Gewalt, Inzest, Verblendung und schließlich sogar Mord. Das alles eindringlich gezeichnet gegen das bäuerliche Nebraska, angefüllt mit kleinen Anekdoten über das harte Leben dort - die kleinen und großen Wehwehchen, derbe Jugendstreiche, zerplatzende Hoffnungen, erste Liebe. Thompson greift dem vor, was Daniel Woodrell mit seinen White Trash-Betrachtungen in den Ozarks dreißig Jahre später perfektionieren sollte.




Eine klasse Frau
Originaltitel: A Swell-Looking Babe, 1954
Diogenes Verlag
240 Seiten
Roman
Inhalt:
Dusty Rhodes schiebt Dienst als Nachtportier im Mittelklassehotel Manton. Er sieht gut aus, dementsprechend sind die Trinkgelder nicht übel. Aber eigentlich ist der Job nur eine Übergangslösung. Rhodes will studieren und Arzt werden. Wenn da nicht sein seniler Vater wäre, ein ehemaliger Hochschuldozent, der wegen seiner Unterschrift auf einer Petition zur freien Meinungsäußerung das Handtuch werfen musste. Jetzt liegt er Dusty auf der Tasche. Zudem leidet der Knabe unter dem Tod seiner Mutter, zu der er ein sehr inniges Verhältnis hatte. Als bleibt ihm erst einmal nichts, als weiter die Nacht zu arbeiten und den Tag über zu schlafen, um die Arzt- und Anwaltskosten zu bezahlen. Für Frauen bleibt da keine Zeit.
Dann allerdings checkt eines Nachts ein wahrer Engel in Raum 1004 ein - die göttlich Marcia Hillis. Rhodes ist hin und weg. Sie ist diejenige, die ihn über den Verlust der Mutter hinwegtrösten kann. Nur sie. Als sie ihn dann eines Abends in ihr Zimmer ruft, schwebt er schon im Himmel.
Doch der ist im nächsten Moment weit entfernt, denn die Schöne will ihm eine Vergewaltigung anhängen. Aber Tug, ein alternder Gangster und Stammgast, ist für Rhodes da und regelt die Angelegenheit unauffällig. Dafür schuldet ihm Dusty jedoch einen Gefallen. Einen fetten Gefallen, bei dem es um eine ganze Menge Kohle geht. Genügend Asche, damit Rhodes den Job schmeißen kann. Genügend, um sich die Gunst der holden Marcia erkaufen zu können. Unschuldig ist Dusty ohnehin nicht …
Kommentar:
Der Soziopath Rhodes redet sich sein Leben schön, färbt seine Erlebnisse ein, wie es ihm passt. Schuld … Schuld sind nur die anderen. Sieht es anfangs so aus, als wäre er das Opfer widriger Umstände, klärt sich mit gnadenloser Deutlichkeit, dass seine Hölle selbst gemacht ist. Jede Entscheidung, jede Handlung entspringt seinem kaputten Geist, an dem uns Thompson teilhaben lässt. Nicht distanziert, nicht wissenschaftlich, sondern hautnah. Hinein in Dustys Gedankenwelt. Bis man selbst die ganze Scheiße nicht mehr ertragen kann. Bis man den alten Mann hasst. Das Hotel. Dies mickrige Stadt. Jeden anderen verdammten Menschen da draußen. Gleichzeitig ekelt uns Rhodes an, denn wir ahnen schon nach den ersten Seiten, was für ein Stück Dreck er ist. Da passt auch das ödipale Drama in seine verkommene Existenz. In seiner unverkennbaren Art drückt Thompson einem langsam die Kehle zu. Dusty bekommt unser Mitleid, obwohl man für ihn nur Abscheu empfinden sollte. Und für Tug und Marcia und all die anderen ebenfalls.
Rettung gibt es nicht auf dieser Welt, da ist Thompson realistisch. Nur die Hölle. Selbst der erlösende Engel ist schmutzig. Der einzige Ausweg aus dem ganzen Pfuhl ist der Tod.


Der Mörder in mir (Liebling, warum bist du so kalt)
Originaltitel: The Killer insinde Me, 1952
Diogenes Verlag
234 Seiten
Roman
Inhalt:
Wer würde dem ruhigen, freundlichen Sheriff Lou Ford unterstellen, ein eiskalter Killer zu sein? Im beschaulichen Central City niemand. Lou Ford trägt nicht einmal einen Revolver. Aber lassen Sie davon mal nicht täuschen ...
Kommentar:
Jim Thompson at his best. Der Mörder in mir gehört nicht umsonst zu den Noir-Klassikern. Thompson zeichnet das seelische Innenleben seiner psychopathischen Protagonisten in unvergleichlicher Weise nach. Ein mörderischer Genuss.


Ein Satansweib
Originaltitel: A Hell of a Woman, 1954
Diogenes Verlag
226 Seiten
Roman
Inhalt:
Der Vertreter Dolly Dillon hängt in einer unglücklichen Ehe, ist erfolglos und ständig pleite. Dann lernt er Mona kennen, die von ihrer Tante wie eine Sklavin gehalten wird, und erfährt, dass die alte Dame ein Vermögen im Haus versteckt. Dolly entwickelt einen mörderischen Plan, der sich unversehens auswächst, als seine Frau Joyce etwas mitbekommt. Der tödliche Reigen beginnt ...
Kommentar:
Dolly Dillon hat gute Gründe - zumindest redet Thompson das seinem Leser ein. Das seelische Innenleben, die Beweggründe für Dillons Morde, all das klingt in sich stimmig, bedrückend nachvollziehbar. Und das Ende des Buches ist rasant ungewöhnlich. Nichts für schwache Gemüter.


Zwölfhundertachtzig schwarze Seelen
Originaltitel: Pop. 1280, 1964
Diogenes Verlag
268 Seiten
Roman
Inhalt:
Pottsville ist ein heruntergekommenes Kaff, dreckig und deprimierend. Und dort leben genau 1280 schwarze Seelen. Nick Corey ist ihr Sheriff, die Ehe mit seiner Frau Myra kein Zuckerschlecken. Dass ihm die Gemeinde von Pottsville aber auch dermaßen aus der Hand fressen muss, kann einen schon mal dazu verleiten, sich für was besseres zu halten. Corey kann tun und lassen, was er will. Mit fatalen Folgen ...
Kommentar:
Lesen!