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John Ridley

Name: John Ridley
Geboren: 1967
Berufe: Schriftsteller
Pseudonyme: -

Ridley

Keiner kommt hier lebend raus

von Martin Compart


Es gibt Romane, die gehören einfach nicht auf die Bestsellerliste. Das mag hart sein für Autor und Verlag, ist aber ein Naturgesetz. Denn wo der Pöbel trinkt, sind alle Brunnen vergiftet. Genau dies gilt auch für John Ridley, dessen Bücher bei uns anscheinend unter Ausschluß der Öffentlichkeit erscheinen.


Ridley, die große schwarze Hoffnung des Noir-Romans, gehört zu den neuen Giganten und entsorgte in bisher drei Romanen den amerikanischen Traum. Keine zehn Minuten möchte man in seiner Welt leben, aber jederzeit darüber lesen. Im Noir-Roman geht es nicht ums Gewinnen, sondern darum, das Verlieren so lange wie möglich hinauszuzögern. Kaputt und gescheitert, krabbeln Ridleys Protagonisten durch ihr übles Schicksal, verstecken sich in Suff und Dunkelheit, bevor sie langsam ins Nichts abrutschen. "Man kann der Vergangenheit nicht davonlaufen. Man kann sie nur ein bißchen verscharren", heißt es einmal. Seine Protagonisten sind Typen auf der Flucht, denen der Geldhai im Nacken sitzt und die nur eine Hand gebrauchen können, weil sie gerade die letzte Zahlungsaufforderung erhalten haben. Sonderlich sympathisch sind sie nicht, diese miesen kleinen Verlierer, die gerne jeden übers Ohr hauen wollen. "Jedes Jahr muß ich mehr Zeit aufwenden, um weniger Geld zu verdienen", sagt eine alte Nutte und stellt damit den allgemeinen Stand der Ökonomie fest. Ridleys unbarmherziger Kosmos ist pragmatisch: "Ich bin kein Mörder." "Woher willst´n das wissen, wenn du´s nie probiert hast?"


Gleich sein Romanerstling "Stray Dogs" war eine Sensation und bot den ganz harten Noir-Aficionados Frischfleisch. Oliver Stone besorgte sich umgehend die Rechte und machte daraus den unterschätzten Film "U-Turn": Als John Stewarts 64er-Mustang in dem Wüstenkaff Sierra verreckt, kann er sich völlig auf Murphys Gesetz verlassen. Am heißesten Tag des Jahres landet er in einem Ort voller Maniacs, Bekloppter und einer verdammt gefährlichen Frau. Nicht nur die Sonne brennt so erbarmungslos, "als marschierte man in benzingetränkten Shorts durch die Hölle". In der Wüste zu verdursten wäre ein gnädigeres Schicksal; wenn Stewart geahnt hätte, was auf ihn zukommt, hätte er die Feldflasche ausgeschüttet und wäre den Geiern begeistert entgegengeeilt. Was folgt, ist eine Noir-Farce, die sich James M. Cain und Charles Bukowski nach einem nicht wiedergutzumachenden Trinkgelage ausgedacht haben könnten.


In "L. A. Blues" geht es ganz tief in die Gülle von Los Angeles und Vegas. Die Geldverleiher von der harten Sorte brechen dem Ich-Erzähler Jeffty gleich auf der ersten Seite den Finger. Und das ist nur der idyllische Auftakt zu einer bösen Geschichte, die souverän zwischen unglaublich komischen Szenen und dunkelsten Abgründen balanciert. Jeffty, ein gescheiterter Drehbuchautor und miserabler Zocker, ist Kino-Fan: "Schwarze Serie. Die sollen bloß nicht so angeben. Selbst in den schwärzesten Filmen leben die Leute tausendmal besser als ich." Als sein alter Kumpel Nellis auftaucht, dem er einmal die Frau ausgespannt hat und der an der Nadel hängt, sieht Jeffty hinterlistig seine Chance. Denn Nellis kann Zen-Poker und verliert nie. Wer die besten Bücher von Elmore Leonard liebt, wird Ridley verschlingen.


Sein dritter Roman, "Everybody Smokes In Hell", liegt bei Ullstein noch auf Eis. Es ist wieder eine Loser-Geschichte, in der Paris Scott über das letzte Tape eines sich gerade umgebracht habenden Rockstars und einen Haufen Drogen stolpert. Natürlich hält Paris nicht die Chance seines Lebens in den gierigen Klauen, sondern eine Zeitbombe. Wieder geht es von L. A. nach Vegas - zwei Orte, die Ridley "mehr haßt als Krebs", Dreckslöcher, in denen man nicht leben mag. "Einfamilienhausghettos sind eine Spezialität von Los Angeles. Denn unsere Armen hatten Einfamilienhäuser, und unsere Schnapsleichen waren sonnengebräunt." Auch Las Vegas findet in seinen Augen kein Erbarmen: "Vegas für Familien? Schneewittchenschlösser und Vergnügungsparks, Schwuchteln, die mit weißen Tigern zauberten, und Pfeifen, die man nicht einfach ausnehmen und umbringen konnte. Was soll der Quatsch? Das Familien-Vegas lehrt die Kinder spielen, damit sie eines Tages ihr Geld hier verzocken."


John Ridley wurde in Milwaukee geboren. Er ging nach New York und studierte ostasiatische Kultur. Zur Abrundung des Programms begann er mit Shotokan-Karate. Eine Weile lebte er in Japan, versank in dieser Zivilisation und lernte auch die Sprache. Zurück in den USA, begann er eine Karriere als Stand-up-Komiker, die immerhin bis in die Spätnachts-Shows von Jay Leno und David Letterman führte. Deshalb wechselte er 1991 nach Hollywood und begann Drehbücher zu schreiben. Die Tretmühle eines Autors für "Black Sitcoms" nagte an ihm: "Für TV-Serien zu schreiben ist - bis auf wenige Ausnahmen - eine geistlose Fließbandarbeit, bei der man immer wieder dieselben blöden Gags recycelt. Aus reinem Selbsterhaltungstrieb schrieb ich meinen ersten Roman, denn ich liebe das Schreiben." Nebenher arbeitete er als Skript-Doktor für Visionäre wie Coppola und Oliver Stone, der 1997 Ridleys Regiedebüt "Cold Around the Heart" ("Menschenjagd") produzierte. Für diesen Noir-Film mit David Caruso wurde er in New York auf dem Urbanworld Film Festival (was immer das sein mag) ausgezeichnet.


Auch mit anderen Drehbüchern hatte Ridley Erfolg, etwa mit "Three Kings", das mit George Clooney verfilmt wurde. Außerdem ist er Koproduzent und Autor der höchst erfolgreichen TV-Serie "Third Watch", einer Art "NYPD Blue meets Emergency Room". Im Mai 2000 pitchte Ridley eine neue Serie über das Internet und war anschließend um eine Million Dollar reicher. Zusammen mit Sofia Coppola entwickelte er für den Kabelkanal HBO die Serie "Empire" über zwei Brüder, die eine HipHop-Plattenfirma leiten.


Aber seine große Liebe, das betont er immer wieder, ist der Roman. Daß bei seinen Zockergeschichten alles stimmt, hat nebenbei auch mit einer Frau zu tun: Ridley ist mit einer Berufsspielerin verheiratet. Und Ridleys literarische Frauengestalten sind die schlimmsten Femmes fatales der zeitgenössischen Kriminalliteratur - allesamt schwarze Witwen mit gehörigen Macken. Die tumben Protagonisten schnallen natürlich nichts: "Er musterte sie so skeptisch wie ein Urmensch, der zum erstenmal Feuer sieht." Seine geschlechtsspezifischen Analysen bestätigen einen Aphorismus von Nietzsche: "Der Mann ist böse, die Frau ist schlecht."


U-Turn - Kein Weg zurück

U-Turn - Kein Weg zurück

Originaltitel: Stray Dogs, 1997

Ullstein
184 Seiten
Roman

Inhalt

John Stewart hat Pech. Eine echte Pechsträhne. Schulden bei einem brutalen Mafiosi, kein Dach über dem Kopf und einen Rucksack mit heißem Geld auf dem Rücken. Aber das Schlimmste steht ihm noch bevor: Eine verdammte Autopanne in einem Wüstenkaff namens Sierra. Und keine Chance, von diesem gottlosen Fleckchen fortzukommen. Immerhin gibt es da die schöne Grace, die John bittet, ihr ein paar Gardinen nach Hause zu schleppen. Klar, dass ihr Ehemann sauer wird, so sauer, dass er Stewart zum Killer machen will.


Kommentar

Vierzig Grad im Schatten brennen dem Wüstenstädtchen Sierra jegliche Skrupel aus dem Leib. Alles schwitzt und stinkt, schleppt sich dahin, während das Gehirn langsam zerfließt. Das ganze Nest wird irre, stürzt sich in einen Fiebertraum um Sex und Geld und Tod. Eine handvoll schwarzer Seelen, die irgendwie aus Sierra raus wollen - koste es, was es wolle. Die Hölle kann auch nicht viel schlimmer sein ...

Die Hitze, es muss an dieser verfluchten Hitze liegen, dass einem Ridleys Erstling zwischen den Fingern zerrinnt. Man trudelt durch diesen Fiebertraum aus sengender Sonne, Hitzewallungen und Angstschweiß und erreicht die letzte Seite viel zu früh. Erleichtert, diesem Mikrokosmos verschrobener, irrer Figuren entkommen und dabei noch klar im Kopf geblieben zu sein. Sieht sich um, froh, nicht in Sierra dahin zu vegetieren. Und greift nach dem nächsten ungelesenen Ridley.



L.A. Blues

L.A. Blues

Originaltitel: Love Is A Racket, 1998

Ullstein
432 Seiten
Roman

Inhalt

Wahrheit: Wann immer zwei Menschen beisammen sind, ist da jemand, der den anderen aufs Kreuz zu legen versucht. Die Pläne sind nicht immer weitreichend und großartig, und der Schwindel ist nicht immer unerlaubt, aber jeder versucht irgendeinen Schwindel. Jeder.

Jeffty Kittridge ist ein mieser, kleiner Gauner, der sich mehr schlecht als recht über Wasser hält. Ein paar Dummköpfe für eine Handvoll Dollar abziehen und saufen, viel mehr ist mit seinem Leben nicht mehr los. Abgesehen davon, dass er ein Spieler ist und dem knallharten Dumas satte $15.000 schuldet. Damit er seine Zahlungsverpflichtung nicht vergisst, lässt der Buchmacher ihm auch gleich mal zwei Finger brechen. Dann bietet er ihm Alles-oder-Nichts und Jeffty steht mit schlappen $30.000 in der Kreide. Da reichen auch seine Gaunereien nicht. Hilfe naht in Gestalt des Junkies Nellis, einem alten Kumpel, dem Jeffty vor sieben Jahren die Frau ausgespannt hat. Schwamm drüber - jetzt hat Nellis das goldene Poker-Händchen. Mit etwas Glück kann Jeffty so einen ordentlichen Schnitt machen und lebend aus der Sache rauskommen. Schade nur, dass er eben der geborene Verlierer ist und neben seinen Schulden bald auch noch eine Leiche am ungewaschenen Hals hat.


Kommentar

Hier geht es dann mal direkt in die Gosse der Engelsstadt. Die Flügel wurden für die letzte Flasche Alk versetzt, der Heiligenschein beim Pokern verzockt. Und das weiße Hemdchen ist zerrissen und starrt vor Schmutz wegen der vielen Betrüger, Junkies, Kriminellen und Nutten, die daran gezupft haben. Wenn du im Leben nicht mehr viel zu erwarten hast, tut es auch ein Jack Daniels und der miese Fick mit einer billigen Straßennutte. Dazwischen ein paar kleine Gaunereien, die dich zu nichts befähigen, die dich nicht aus der Scheiße ziehen, in die du dich so ergeben geflüchtet hast.

Ridleys Protagonist Jeffty geht langsam vor die Hunde, baut Stück für Stück ab. Schön, wie er sich einredet, kein Alki zu sein. Schön, wie er einem fragilen Gebilde nachjagt, um seine Schulden loszuwerden. Nur um immer wieder eins zu erkennen - er war, ist und bleibt ein Verlierer. Dabei begleitet man den kleinen Ganoven auf mehr als 400 Seiten. Das ist mal amüsant, mal deprimierend, mal einfach nur dicht dran an der Wahrheit. Allerdings nervt Jeffty an. Sein Geschwafel über das Leben und die Liebe zieht sich. Der Big Plot nimmt erst den zweiten Teil der Geschichte ein. Ein paar Seiten weniger hätten dem Ding gut getan.

Deutscher Titel Originaltitel Jahr
U-Turn - kein Weg zurück Stray Dogs 1997
L.A. Blues Love Is A Racket 1999
- Everybody Smokes In Hell 2000
- The Drift 2002
- A Conversation with the Man 2002
- Those Who Walk the Darkness 2003
- What Fire Cannot Burn 2006

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