





Der große Schlaf
Originaltitel: The Big Sleep, 1939
Diogenes Verlag
202 Seiten
Inhalt:
Over the entrance doors, which would have let in a troop of Indian elephants, there was a broad stained-glass panel showing a knight in a dark armor rescuing a lady who was tied to a tree and didn't have any clothes on but some very long and convenient hair. The knight had pushed the visor of the helmet back to be sociable, and he was fiddling with the knots on the ropes that tied the lady to the tree and not getting anywhere. I stood there and thought that if I lived in the house, I would sooner or later have to climb up there and help him. He didn't seem to be really trying.
In der unerträglichen Atmosphäre eines Treibhauses, im Dschungel exotischer Orchideen, nimmt Marlowe den Auftrag des langsam sterbenden General Sternwoods an, sich um einen Erpresser zu kümmern. Der setzt den alten Mann mit Schuldscheinen unter Druck, die eine seiner Töchter, die leicht verrückte Carmen, unterschrieben hat. Aber nicht nur das, ist Carmen Opfer des öligen Buchhändlers Geiger, der seine Brötchen mit einem Verleihservice für pornographisches Material verdient. Als Geiger erschossen wird und Marlowe in die Ermittlungen eingreift, um seinen Mandanten zu schützen, ist dies erst der Anfang eines komplizierten Geflechts aus Erpressung und Mord, in das die beiden Sternwood-Töchter Carmen und Vivian, ein verschwundener Alkoholschmuggler, kleine Erpresser, kaltblütige Killer und der gefährliche Gangsterboss Eddie Mars verstrickt sind. Und alle, die dem Geheimnis zu nahe kommen, erwartet der Große Schlaf.
Kommentar:
Chandlers Erstling, der die Bühne für Philip Marlowe bereitete, 1939 entstanden aus vier Black Mask-Geschichten, auf die Leinwand gebracht mit Bogart-Bacall im gleichnamigen Film von 1946. Damit sollte kein Weg in Sachen Hard-boiled-Literatur mehr vorbei führen am zähen Marlowe, der seinen Erfinder in den Olymp der Krimi-Himmels hob. Hammett holte den Kriminalroman zurück auf die Straße, zu den Leuten, denen er gehörte. Chandler brachte ihn zehn Jahre später zurück in die Abgründe der feinen und nicht so feinen Gesellschaft - wie schon bei Spade oder dem Detektiv von Continetals ist Korruption allgegenwärtig, der Way-of-Life des Amerikas der 30er und 40er (Und darüber hinaus). Aber ist der Continental Ops ein reines Arbeitstier, in dessen Vorstellung kein Platz für Romantik und Sehnsüchte bleibt, der gnadenlos aufräumt, immer weiter, immer fort, egal wie viele Steine ihm aus dem verkommenen System entgegengeschleudert werden, so ist Marlowe emotionaler, gezeichnet von einer Traurigkeit, ob der verlorenen Unschuld der Welt, phasenweise müde und nicht selten orientierungslos inmitten der Dinge, die um ihn geschehen. Bis er in den späteren Romanen Chandlers selbst überholt und antiquiert wirkt.






Lebwohl, mein Liebling
Originaltitel: Farewell, My Lovely, 1940
Diogenes Verlag
304 Seiten
Inhalt:
Auf dem Rückweg von einem kleinen, schlecht bezahlten Auftrag, läuft Marlowe dem Exhäftling Moose Malloy über den Weg. Ein Berg von einem Kerl, der nach acht Jahren Knast nur seine alte Flamme Velma wiedersehen will. Die arbeitet aber schon lange nicht mehr in der heruntergekommenen Bar Florian's - wie Malloy feststellen muss. Da ist der Manager des Schuppens allerdings schon tot. Während die Polizei dabei ist, die Leiche abzutransportieren, beauftragt der stoische Lieutnant Nulty Marlowe damit, für die Polizei ein bisschen Fußarbeit zu absolvieren und etwas über besagt velam herauszubekommen. Doch die Spur verläuft sich im Haus einer alkoholabhängigen Witwe. Ein Glück, dass dem Privatdetektiv schon bald der nächste Auftrag ins Büro flattert, in Gestalt der öligen Lebemanns Lindsay Marriott. Der will für eine Freundin eine Jadehalskette von ein paar Dieben zurückkaufen und Marlowe soll ihm bei der Übergabe der $8.000 zur Seite stehen. Ein Pech, dass Marlowe am Übergabeort ein paar übergebraten kriegt. Noch mehr Pech, dass jemand seinem Auftraggeber den Schädel eingeschlagen hat. Aber immerhin ist es der Anfang für einen weiteren Job, dieses Mal im Dienst der verführerischen Millionärsgattin Mrs. Grayle. Denn ihr gehört die äußerst wertvolle Halskette. Bis Marlowe allerdings das Dickicht um Exsträflinge, eine verschwundene Nachtclubsängerin, Erpresser, korrupte Bullen, Irrenärzte und Gangster durchblicken, muss er noch so einiges einstecken.
Kommentar:
Chandlers zweiter Marlowe-Roman, bekannt durch die Verfilmungen Murder, My Sweet (1944) und Farewell, My Lovely (1975), in der Noir-Altmeister Jim Thompson eine kleine Rolle hatte, und als einer seiner besten angesehen. Farwell wirft eine ganze Reiher skurriler Charaktere in den Topf "Bay City", weit mehr, als in der Verfilmung von 1944 übrig bleiben - der verliebte Moose, die spleenige Anne, die Famme fatale Mrs. Grayle, ihren blutleeren Ehemann, den trägen Bullen Nulty, einen Hünen von Indianer, den esoterischen Quacksalber Amthor und eine versoffene Witwe. Sie alle sind Teil des amerikanischen (Alp)Traums, dem es nachzutrauern oder denn es bis aufs Messer zu verteidigen gilt. Das mag phasenweise schon an eine Groteske erinnern, durch die sich Held Marlowe da bewegt (oder an einen weißen Ritter aus Alice hinter dem Spiegel), ist aber genau jener Zauber von Wort und Atmosphäre, der Chandler unsterblich macht.




Das hohe Fenster
Originaltitel: The High Window, 1942
Diogenes Verlag
264 Seiten
Inhalt:
Eine Goldmünze verschwindet, die "Brasher Doubloon", schlappe §10.000 wert. Nur leider lässt sie sich nicht verkaufen, denn in seinem Testament hat der verschrobene Mr. Murdock dies ausdrücklich untersagt. Zumindest, so lange seine Frau, die übellaunige, dem Wein im Übermaß zugetane, Elisabeth Murdock, lebt und regiert. Und zwar mit harter Hand über ihr Landhaus und dessen Bewohner. Das sind ihre schüchterne Sekretärin Merle Davis und ihr verkorkster Sohn. Dessen Noch-Ehefrau Linda Conquest, eine Nachtclubsängerin, hat die alte Mrs. Murdock im Verdacht, die seltene Goldmünze gestohlen zu haben. Obwohl sie Marlowe nicht mag - er sie ebenfalls nicht, wird er damit beauftragt, das gute Stück wieder zu beschaffen (die Münze, nicht die Ehefrau). Das ihm dabei ein paar Tote, widerborstige Bullen, schöne Frauen und ein öliger Nachclubbesitzer samt Schlägertrupp unterkommen, dürfte kaum verwundern.
Kommentar:
Chandlers The High Window, 1947 unter dem Titel The Brasher Doubloon verfilmt, gleicht einem Traum. Eine Odyssee durch das Hitze getränkte Pasadena, in der Leichen auftauchen, Polizisten auf stur schalten, Klienten niemals die Wahrheit sagen, harte Frauen verbitterte Lebensweisheiten von sich geben und sich hinter den Augen eines jungen Mädchens dunkle Alpträume verbergen. Das Landhaus der Murdocks entspringt einer gothic novel, seine Bewohner einer Irrenanstalt.
Durch diese Szenen driftet Marlowe, der in all den Lügen den Überblick zu verlieren droht. Für was er kämpft, bleibt unklar - ihm selbst wohl auch. Es ist ein Durchhalten um des Durchhaltens Willen. Seine stoische Ruhe, seine Hartnäckigkeit, seine Sturheit treiben ihn vorwärts. Gerechtigkeit, Liebe, Bezahlung - das alles ist nur ein schwacher Glanz. Für kaum einer der Traumfiguren, die ihm begegnen, kann er Sympathie aufbringen. So spielt er Schachpartien nach, um seine Gedanken zu sortieren. Allein in einer Stadt, die wenig Freundliches bereithält. In ihm und seinem Handeln zeichnet sich eine tiefe Traurigkeit ab, behaftet mit dem Gefühl, am Morgen aufzuwachen und einen wertvollen Traum verloren zu haben. Und so sehr man sich bemüht, er ist verloren, nur noch eine dumpfe Erinnerung. Ein Held, dessen heldenhafte Taten doch nichts mehr ändern am Ungemach der Welt. Die Zeit der Ritter ist vorbei. Endgültig.




Die kleine Schwester
Originaltitel: The Little Sister, 1949
Diogenes Verlag
288 Seiten
Inhalt:
The pebbled glass door panel is lettered in flaked black paint: "Philip Marlowe ... Investigation." It is a reasonably shabby door at the end of a reasonably shabby corridor in the short of building that was new about the year the all-tile bathroom became the basis of civilization. The door is locked, but next to it is another door with the same legend which is not locked. Come on in - there's nobody here but me and a big bluebottle fly. But not if you're from Manhattan, Kansas.
Obwohl eigentlich Routine, stinkt der Job schon von Beginn an. Marlowe, abgebrannt wie immer, soll für das Landei Orfamay Quest deren Bruder Orrin finden. Der hat sich aus dem heimatlichen Manhatten, allerdings in Kansas, in die große Stadt abgeseilt und nach ein paar Briefen nichts mehr von sich hören lassen. Orfamay ist eine anstrengende und eigenwillige junge Dame, deren Geschichte nicht ganz stimmig zu sein scheint. Dennoch macht sich Marlowe für lausige zwanzig Dollar an die Arbeit. Die Spur führt ihn nach Bay City in ein mieses Hotel, in dem ein Fremder das Zimmer des Brüderchens bewohnt. Der ist bald darauf so mausetot wie der Hotelmanager. Grund sind kompromittierende Fotos - die zeigen ein aufstrebendes Filmsternchen in Begleitung eines berüchtigten Gangsters. Der wiederum könnte in der Vergangenheit einen Konkurrenten abgeknallt haben.
Kommentar:
Ein später Chandler, in dem sein Marlowe langsam und stetig wie ein Fossil aus einer anderen Zeit wirkt. Überholt, einsam und melancholisch. Der vom Aussterben bedrohte edle Ritter, auf dessen zerbeulter Rüstung sich das Flackern der Filmprojektoren spiegelt. In ähnlich Weise wird die Marlowe-Stoff später von Robert Altman für The Long Goodbye aufgegriffen.
Chandler selbst war mit seiner Zeit in Hollywood nie zufrieden - ein Teil davon spiegelt sich in The Little Sister wieder. Die Verschrobenheit und Oberflächlichkeit des Studiosystems, Agenten wie Menschenhändler, Stars wie aufgetakelte Puppen. Darum entfaltet er einen klassischen Chandler-Plot, bei dem es schwierig ist, zu verfolgen, wer was warum getan hat. Und wer wen wie betrügt und hintergeht. Dies Mal schwingt ein heftiger Schuss Erotik in Gestalt eines Starlets mit, zudem zeigt sich an Marlowe eine sehr melancholische Seite. Nicht unbedingt der beste seiner Roman (auch Chandler mochte diesen "Kadaver" einer Geschichte nicht), aber durchaus lesenswert. Allein schon die ersten Sätze sind unnachahmlich.


Der König in Gelb
Diogenes Verlag
346 Seiten
Inhalt:
Fünf mal Chandler, fünf mal klassische hard-boiled-Kost. Handwerklich perfekte Unterhaltung.
Der König in Gelb (The King in Yellow, 1938)
Hoteldetektiv Steve Grayce erwartet einen Abend wie viele andere - eine ruhige Nacht im Carlton Hotel. Doch im achten Stock hat sich der Trompeter King Leopardi eingemietet und veranstaltet eine spontane Jam Session. Als dort auch nach gutem Zureden keine Ruhe einkehren will, muss Steve ein kleinwenig handgreiflich werden und den genialen Musiker vor die Tür setzen. Später findet er in dessen Zimmer einen zerrissenen Zettel, auf dem eine Erpresserbotschaft steht. Vielleicht haben die beiden Mädchen aus dem Nachbarraum etwas damit zu tun? Ehe er noch viel in Erfahrung bringen kann, wird Steve entlassen. Leopardi hat ein paar mächtige Freunde. Doch so schnell gibt Grayce nicht auf. Er beginnt im Trüben zu fischen und zieht bald die erste Leiche an Land. Und dann auch noch die reiche und schöne Sängerin Dolores Chiozza, der er kurz darauf aus einer ziemlichen Klemme helfen muss: eine weitere Leiche liegt in ihrem Schlafzimmer.
Kommentar:
Chandler mit einer klassischen Pulp-Geschichte um einen zähen Detektiv, der keine Ruhe gibt, bis die Wahrheit ans Licht kommt, ein paar harten Verbrecher, schönen Frauen und eine Reihe Morde, zusammengeschnürt zu einer verstrickten Kriminalgeschichte um Rache, Schuld und Sühne.
Schüsse bei Cyrano (Guns at Cyrano's, 1936)
Der reiche Müßiggänger Ted Carmady, dessen verstorbener Vater einst über beachtlichen Einfluss in der Stadt verfügte, begegnet der hübschen Tänzerin Jean Adrian, kurz nachdem diese von einem Mann in ihrem Hotelzimmer niedergeschlagen wurde. Widerwillig gesteht sie Carmady, dass man ihren Freund, den Boxer Duke Targo, zwingen will, seinen nächsten Kampf zu verlieren. Notfalls auch, indem man das hübsche Mädchen bedroht. Kurzerhand sieht sich Ted zusammen mit seinem Vertrauten Tony den Boxkampf an und tatsächlich sieht es anfangs so aus, als würde Targo die Bretter küssen. Doch dann setzt der kurzerhand seinen Gegner außer Gefecht. Carmady bietet seine Hilfe an, Duke aus dem Schlamassel zu helfen, doch der Boxer und sein Bodyguard, der ölige Shenvair, lassen ihn abblitzen. Etwas später. im Nobelclub Cyrano's, kommt es zu einer Schießerei mit tödlichem Ausgang. Targo erledigt in Notwehr den Mann, der schon seine Freundin bedroht hat. Doch Carmady wird misstrauisch, denn die ganze Sache ist viel komplizierte, als sie den Anschein hat: es geht um Erpressung im großen Stil und um kaltblütigen Mord.
Kommentar:
Eine feine Kurzgeschichte mit einem komplexen Plot um falsche Spuren, tödliche Verwicklungen und einen amibivalenten Protagonisten, dessen Beweggründe, seine Nase in gefährliche Angelegenheiten zu stecken und seinen Kopf für andere hinzuhalten, beinahe schon tragisch sind.
Spanisches Blut (Spanish Blood, 1935)
Der einflussreiche Geschäftsmann Donegan Maar wird erschossen aufgefunden. Scheinbar hat er ein Treffen mit Unterstaatsanwalt Imlay nicht überlebt, den er mit schmutzigen Fotos erpressen wollte. So sitzt die Leiche des gepflegten Maar in seinem Bürostuhl, eine Pistole in der Hand und ein Loch in der Brust. Und Polizist Sam Delaguerra von der Mordkommission bleibt kaum genügend Zeit, sich näher mit dem Fall zu befassen, denn beinahe augenblicklich wird er abberufen. Pech, dass er früher einmal ein ziemlich guter Freund vom halbseidenen Donegan gewesen ist … und von dessen hübscher Frau Belle. Denn es ist Wahlzeit in der Stadt und ein paar schwere Jungs wollen ihren Einfluss auf deren Ausgang nehmen. Doch so leicht wirft Delaguerra die Flinte nicht ins Korn, auch wenn er sich mit seinen Vorgesetzten dabei übernehmen muss. Als er zum Ferienhaus der Maars am Puma Lake fährt, beginnt das Wespennest aufgeregt zu summen, in das er gegriffen hat.
Kommentar:
Chandler packt die Geschichte um Freundschaft, Loyalität und unerfüllte Liebe in ein perfektes Rahmengerüst aus politischen Verwicklungen, Gangstertum, Mord und Totschlag, an deren Ende ein klassischer Noir-Protagonist steht, der einen hohen Preis für seine Ideale von Freundschaft zahlt.
Blutiger Wind (Red Wind, 1938)
Anmerkung: In der Übersetzung des Diogenes-Bandes (1976) wird Johnny Dalmas als Detektiv aktiv, wie im Original. 1950 stellte Chandler diverse Kurzgeschichten für einen Reader zusammen und änderte bei einigen davon den Namen des Protagonisten, in diesem Fall zu Philip Marlowe.
There was a desert wind blowing that night. It was one of those hot dry Santa Anas that come down through the mountain passes and curl your hair and make your nerves jump and your skin itch. On nights like that every booze party ends in a fight. Meek little wives feel the edge of the carving knife and study their husband's necks. Anything can happen. You can even get a full glass of beer at a cocktail lounge.
Ein heißer Wüstenwind hält die Stadt im Würgegriff, einer jener trockenen Santa Anas, die die Menschen verrückt werden lassen. Marlowe will nur ein Bier trinken, als in der Bar ein Mann auf der Suche nach einer Frau erschossen wird. Der Täter entkommt, dafür rückt die Polizei mit dem übellaunigen Inspektor Copernik an. Marlowe schmeckt ihm nicht. Kaum fertig mit seiner Zeugenaussage, läuft Marlowe die hübsche Lola über den Weg. Genau die Dame, die der Ermordete suchte. Und auch sie hat eine Kanone. Doch just als der Killer wieder auftaucht, um lästige Zeugen zu beseitigen, rettet sie Marlowe das Leben. Der erweist sich als sehr dankbar und setzt alle Hebel in Bewegung, die junge Frau aus einer misslichen Situation zu befreien. Sie wird erpresst.
Kommentar:
Der Stoff, aus dem der Mythos Marlowe gemacht ist. Eine verworrene kleine Geschichte um Erpressung und Mord, Menschen, die sind wie sie sind - zumeist verdorben und habgierig, voller kleiner und großer Lügen. Und mittendrin der unermüdliche Privatdetektiv, nie korrupt, mit seinem eigenen Ehrgefühl, dass er trotz aller Widerstände spazieren trägt. In diesem Pfuhl der menschlichen Niedertracht, in dem es nur ein paar verlorene Gutmenschen gibt, wirkt er selbst unmenschlich, wie ein Individuum aus einer anderen Zeit oder einem anderen Ort. Es ist keine schillernde Rüstung mehr, die er trägt, kein Schwert an der Seite, sondern Anzug und Pistole. Aber die Burgen sind geblieben und die Leute darin, nur sind es jetzt Villen. Und davor lauern dieselben alten Wegelagerer.
Zierfische (Goldfish, 1936)
Die abgebrannte Ex-Polizisten Kathy Horne kommt mit einer Seifenblase zu Marlowe: bei ihr wohnt der Kokser Mardo, der im Knast den Juwelendieb Wally Sype kennen gelernt hat. Bei einem Saufgelage erfuhr er von Sype, dass dieser die sagenhaften Leander-Perlen noch immer irgendwo versteckt hat. Die sind lockere $250.000 wert. Kathy bietet Marlowe, die Belohnung von der Versicherung zu teilen, wenn es ihm gelingt, die Perlen wiederzubeschaffen. Klingt nach einer ganzen Menge Geld, nur dass der Perlendiebstahl schon zwanzig Jahre her ist und niemand auch nur eine Spur von Wally Sype hat. Trotzdem macht sich Marlowe auf, ein ernstes Wörtchen mit Mardo zu reden. Doch der schweigt lieber, da er die Folter mit dem Bügeleisen nicht überstanden hat. Scheinbar gibt es noch andere, die scharf auf die Perlen sind. Und die haben keinerlei Skrupel, wie sie diese bekommen.
Kommentar:
Die Welt ist voller Verlierer und Verbrecher - sie sammeln sich um die Chance auf schnelles Geld wie Schweißfliegen um einen Haufen Scheiße. Die Leander-Perlen sind so eine Chance und sie bringe das Schlechteste in allen zum Vorschein, die ihnen hinterher jagen. Nur Marlowe trägt seinen Reines-Gewissen-Anzug, an dem jedwede kriminelle Energie abprallt wie Kugeln. Und so watet er durch den kleinen Sumpf aus Lüge, Folter und Mord, in dessen tiefster Senke zwei unscheinbare kleine Perlen liegen.


Gefahr ist mein Geschäft
Diogenes Verlag
260 Seiten
Inhalt:
Vier Kurzgeschichten des Meisters, eine davon mit Philip Marlowe.
Perlen sind eine Plage (Pearls Are a Nuisance, 1939)
Mrs. Penruddocks Perlen sind abhanden gekommen. Neunundvierzig rosa Kügelchen auf einer Schnur, die für einigen Wirbel sorgen, als Lebemann Walter Gage nach ihnen sucht. Denn wenn er es nicht tut, entlobt sich seine Liebste von ihm, die für die alte Mrs. Penruddock arbeitet. Der alten Dame wurden die Perlen von ihrem verschiedenen Mann geschenkt, nur dass sie diese während der Depression gegen Imitate austauschen ließ, um ihre Angestellten zu bezahlen. So jagt Gage also Fälschungen hinterher, zusammen mit dem ehemaligen Chauffeur Henry, der eigentlich Hauptverdächtiger ist. Aber diese kleine Unstimmigkeit wird bei ordentlich Schnaps aus der Welt geräumt. Die beiden Freunde wagen sich frohen Mutes in die Kreise der Verbrecher, während der Preis um die Perlen in die Höhe schießt. Warum verlangt jemand $5000 für ein paar falsche Klunker?
Kommentar:
Eine von Chandlers leichteren Geschichten, beinahe schon vergnügt und verspielt, wie er den Wortkünstler Gage hinter den Perlen herschickt. Viel Sauferei, Wortwitz und eine haarsträubende Räuberpistole, an deren Ende eine sanfte Melancholie um wahre Freundschaft steht.
Straßenbekanntschaft Noon Street (Pickup on Noon Street, 1936)
In der Noon Street trifft der Undercoverbulle Pete Anglich die junge Token Ware, die in eine Erpressung um den Star John Vidaury verwickelt ist. Während er versucht, dem Mädchen zu helfen, gerät er immer tiefer in ein Gewirr aus Lügen und Erpressung, in dem der brutale Trimmer Waltz die Fäden zieht und dabei über Leichen geht.
Kommentar:
Eine klassische Hard-boiled-Story um einen Mann, der keine große Vergangenheit, noch viel im Leben hat - ein Undercoverbulle, der sein Dasein im Schatten fristet, kaum Emotionen an seine Umwelt verschwendet und mit bleierner Geduld seinen Job verrichtet. Wenn er dabei töten muss, so tut er dass, ohne mit der Wimper zu zucken. Ein letzter Rest von Moralität ist ihm geblieben, jene dünne Linie, die ihn nicht gänzlich die Seiten wechseln lässt. Und die reicht aus, um Mitleid mit der Herumtreiberin Token zu haben, die in die Fänge eines Zuhälters und Erpressers geraten ist. Also beißt Anglich sich durch, steckt ein, steht auf, teilt aus, um am Ende zu stehen und die Gerechtigkeit in seinem Sinne zu schmieden.
Gefahr ist mein Geschäft (Trouble Is My Business, 1939)
Anmerkung: In der Übersetzung des Diogenes-Bandes (1976) wird Johnny Dalmas als Detektiv aktiv, wie im Original. 1950 stellte Chandler diverse Kurzgeschichten für einen Reader zusammen und änderte bei einigen davon den Namen des Protagonisten, in diesem Fall zu Philip Marlowe.
Marlowe wird darauf angesetzt, die hübsche Harriet Huntress vom Adoptivsohn und Erben des kaltschnäuzigen Jeeter loszueisen. Denn der junge Mann hat einen Batzen Schuldscheine im Wert von mehreren Zehntausend Dollar unterzeichnet und die liegen bei Harriets Partner, dem skrupellosen Gangster Marty Estel. Jeeter Senior fürchtet Erpressung oder gar eine Vermählung des jungen Paares. Also macht sich Marlowe auf, dem hübschen Rotschopf einen Besuch abzustatten und sie zum Einlenken zu bewegen. Doch kaum dort, bezieht er einen K.O.-Schlag von Jeeter Junior, der gar nicht begeistert von den Vorschlägen des PIs ist. Damit nicht genug, lauern ihm auch noch zwei Killer in seiner Wohnung auf, die ihn zwingen wollen, den Jeeter-Fall aufzugeben. Ganz zu schweigen davon, dass Marty Estel ein paar Takte mit ihm reden will. Dann taucht natürlich auch die erste Leiche auf und der ganze Fall wird immer vertrackter. Doch einen Philip Marlowe kriegt nichts unter.
Kommentar:
Chandler packt wieder einmal eine Wagenladung Verwicklungen und falsche Fährten in diese Kurzgeschichte um Philip Marlowe. Da braucht es schon einen zähen PI, um die Lügen auseinander zu dividieren, ordentlich Schläge einzustecken und am Ende den Sack zuzumachen. Nicht, dass es außer ihm irgendeine moralisch integere Person in dem ganzen Spiel gäbe.
Der Bleistift (Marlowe Takes on the Syndicate, 1959)
Philip Marlowe wird ins Netz der Mafia verwickelt. Ein Aussteiger bittet den Privatdetektiv um Hilfe und los geht es ins Land der Verwicklungen und Morde. Zwei Killer, ein falscher Mafioso und besagter Bleistift.
Kommentar:
Eine späte Kurzgeschichte um den zu dieser Zeit schon mythischen Philip Marlowe, die Chandler extra für die englischen Leser verfasste. Leider weiß die Story nicht zu überzeugen. Marlowe fühlt sich in diesen 50 Seiten nicht sehr wohl.


Erpresser schießen nicht
Diogenes Verlag
298 Seiten
Inhalt:
Diesmal fünf Kurzgeschichten und ein Vorwort von Raymond Chandler.
Nevada-Gas (Nevada Gas, 1935)
Als seine Freundin Francine Ley ein Techtelmechtel mit dem skrupellosen George Dial beginnt, ahnt der Berufspieler Johnny De Ruse, dass es an der Zeit ist, sich an einen neuen Tisch zu setzen. Doch weit kommt er nicht, denn ein paar üble Killer entführen ihn und wollen ihn ein bisschen Nevada-Gas schnuppern lassen. De Ruse entledigt sich der beiden und rutscht damit in den kaltblütigen Mord an Hugo Candless, einem halbseidenen Rechtsanwalt. Als muss er mit den Karten spielen, die ihm zugeteilt worden und das Beste daraus machen. Ansonsten wird das sein letztes Blatt.
Kommentar:
Mit De Ruse entwirft Chandler einen zwiespältigen Protagonisten, der im Gegensatz zu einem Philip Marlowe keine bis wenige Moralvorstellungen hat. Er ist ein Spieler, der weiß, wann es Zeit ist, zu passen, der aber knallhart zockt, wenn ihm kein Ausweg mehr bleibt. Am Ende gewinnt er das Spiel, aber leichzeitig offenbart es seinen Mangel an klaren Emotionen. Ihm gegenüber sitzt seine Freundin Francine Ley, die ebenfalls eine Grenzgängerin ist, vor Verrat und Manipulation nicht zurückschreckt. Beide verbinden dieselben Ängste und Sehnsüchte, so dass sie doch zusammenbleiben, egal ob es gut mit ihnen ausgeht, oder nicht. Vielleicht ist ihre Beziehung wie ein Pokerspiel, in dem sie bis zum Schluss Bluffen und niemals ganz ihre Karten offen legen.
Ich werde warten (I'll Be Waiting, 1939)
Tony Reseck schiebt Dienst im Windermere Hotel. Ein entspannt Abend, zum Gähnen langweilig für den Detektiv. Ein bisschen Musik hören, ein bisschen abschalten. Ein wenig mit der hübschen Miss Cressy flirten, die schon seit einigen Tagen auf etwas oder jemanden wartet. Vor seiner nächsten Runde wird Tony jedoch von einem Fremden vor das Hotel gebeten - dort wartet sein Bruder Al, ein Mafiaganove. Der legt ihm nahe, die Cressy aus dem Laden zu schaffen, ehe es heiß her geht. Denn deren Exfreund Ralls ist aus dem Knast entlassen und will sie sehen. Pech nur, das Ralls vorher noch die Bank eines Kasinos geknackt hat. Al und seine Kumpels wollen nun ein Hühnchen mit ihm rupfen und das Mädchen soll dabei nicht im Weg sein. Tony hört zu, nickt, aber in seinem sturen Kopf hat schon ein anderer Plan Gestalt angenommen. Doch für den muss er am Ende zahlen. Ziemlich viel.
Kommentar:
Wie du es auch anpackst, es ist falsch. Tony Reseck versucht die Parteien gegeneinander auszuspielen, den Ärger abzuschieben, ein bisschen auch das Mädchen zu beschützen. Der kleine, einsame Hoteldetektiv, der sich in Sachen einmischt, die schnell ins Schlingern geraten und mit einem Knall enden. Dafür zahlt er am Ende und nicht zu knapp.
Einfache Chancen (Finger Man, 1934)
Der Spieler Lou Hagger bittet Marlowe, ihn bei einem groß angelegten Roulettspiel zu beschützen. Da er ein alter Freund ist, willigt der Detektiv ein, obwohl er mit seiner Zeugenaussagen gegen den Killer Manny Tinnen eigene Sorgen hat. Das Spiel steigt im Club des halbseidenen Canales und Hagger sahnt mit seiner Freundin satte $20.000 ab. Doch kaum will sich Marlowe an seine Fersen heften, wird er niedergeschlagen. Als er die Spur des Spielers aufnimmt, ist es bereits zu spät. Am nächsten Morgen taucht Miss Glenn, Lous Freundin, in Marlowes Büro auf, legt die Zwanzigtausend auf den Tisch und erzählt, dass Hagger in ihrem Hotelzimmer erschossen worden ist. Doch die Leiche ist verschwunden, ebenso die Freundin. Dafür schiebt man Marlowe den Mord an Hagger in die Schuhe. Ein Wettlauf mit der Zeit beginnt.
Kommentar:
Eine vorhersehbare Geschichte um Philip Marlowe, der sich und seine Integrität gegen allerlei Verbrechergesocks verteidigen muss. Wie nicht anders zu erwaten, knickt er nicht ein und zieht sich selbst aus dem Schlamassel, wobei die bösen Jungs ordentlich ihr Fett weg kriegen.
Der superkluge Mord (Smart-Aleck Kill, 1934)
Privatdetektiv Johnny Dalmas beschützt im Auftrag der Filmgesellschaft Eclipse Pictures den exzentrischen Regisseur Walden, dem von ein paar üblen Schlägern zugesetzt wird. Einige Zeit später ist Walden tot, scheinbar hat er Selbstmord begangen. Doch ein Linkshänder wird das wohl kaum mit der rechten Hand tun. Trotz der Aufdringlichkeit der Schläger, folgt Damals der Spur der Mordwaffe. Die führt geradewegs hinein in eine verworrene Geschichte um Alkohol- und Drogenschmuggel, Betrug und schließlich auch Mord.
Kommentar:
Zeit für einen harten PI - Johnny Dalmas. Eine noch grobe Fassung des Archetypen Marlowe, der einige Zeit später folgen wird. Zäh, verbissen, die Wahrheit zu finden. 1939 gibt Dalmas wieder einen Auftritt, diesmal in Gefahr ist mein Geschäft.


Raymond Chandler
Originaltitel: The Life of Raymond Chandler, 1976
Frank MacShane
Diogenes Verlag
480 Seiten
Biographie
Inhalt:
Umfangreiche Biographie über den Marlowe-Erfinder Chandler.


Raymond Chandler - Briefe 1937 bis 1957
Hrsg. Frank McShane
Btb Bei Goldmann
687 Seiten
Briefe
Inhalt:
Kommentar:
Die Briefe Chandlers sind zumeist ebenso spannend wie seine Geschichten. Sie werfen ein interessantes Bild auf den Autor, seine Beziehung zu seinen Romanen, seine Einstellung zu Marlowe und das Leben in Hollywood (sein Streit mit Paramount). Er schrieb seinen Verlegern, Agenten, Kollegen (z.B. Erle Stanley Gardner, James M. Cain), aber auch Persönlichkeiten wie Lucky Luciano, Alfred Hitchcock oder Howard Hunt.
Übersetzt von Hans Wollschläger.