

Die wahre Mrs. Wycherly
Originaltitel: The Wycherly Woman, 1961
Vintage Crime
288 Seiten
Roman
Inhalt:
Phoebe Wycherly wird seit zwei Monaten vermisst. Jung, schön und reich, stellt ihr Verschwinden den idealen Fall für Lew Archer da. Angeheuert von ihrem Vater Homer, macht sich der Privatdetektiv daran, die Spur der Frau aufzunehmen. Doch das entpuppt sich als problematisch. Phoebe ist wie vom Erdboden verschluckt und die einzige, die sie zuletzt gesehen hat, ist ihre Mutter Catherine. Die allerdings liegt in heftigem Streit mit dem Rest der Familie und niemand möchte, dass Archer mit ihr spricht. Als er Catherine endlich aufgespürt hat, dauert es nicht lange, bis die erste Leiche auftaucht. Die Wycherly-Damen ziehen noch mehr davon nach sich, während Lew damit beschäftigt ist, ein bedrückendes Gewirr aus Familiengeheimnissen, Erpressung und Mord aufzudecken.
Kommentar:
The Wycherly Women zeigt die Distanz zwischen Hard-boiled-Literatur und klassischer Krimi-Kost. Während sich die verworrene Geschichte aus Erpressung und Mord langsam entfaltet und schließlich auflöst, offenbaren sich die Abgründe der Protagonisten. Es geht nicht so sehr um das Aha-Erlebnis bei der Auflösung. Nicht darum, wie perfekt ein Verbrechen geplant und ausgeführt wurde. Sondern um das typisch Menschliche im Menschen. Darum, was Schuld und Sühne bedeuten. Darum, wie sich Moral und Zivilisation auflösen im Schatten von Korruption und Gier. Wie sich die Schlechtigkeit (=Menschlichkeit?) in jedem durchsetzen kann, wenn nur die Umstände entsprechend sind. Wie jede Handlung irgendwann ihren Tribut fordert. Auch lange begrabene Familiengeheimnisse (ein zentrales Thema in MacDonalds Romanen).
Die kleinen und die großen Gauner sind nicht viel schlechter oder besser als die Herrschaften der feinen Gesellschaft. Sie alle erliegen früher oder später ihren Schwächen, verlieren ihre Unschuld (oder geben sie auf). Zu was sie dabei fähig sind, bedarf keiner überzogenen Psychopathen a la Hannibal Lector oder kriminalistischer Genies a la Professor Moriarty. Mord und Totschlag sind hier kein Spiel für die gehobene Gesellschaft, kein Fahndungserfolg für das FBI. Es ist die mühsame Fußarbeit eines Arbeiters wie Lew Archer, der durch diesen öligen Schlick waten muss. Immer Gefahr laufend, in der dreckigen Brühe des Lebens von etwas gebissen und infiziert zu werden. Ein bisschen von dem Schmutz bleibt jedoch immer haften - so war es bei Hammett, so war es bei Chandler und so auch bei MacDonald. Er schlägt sich auf den Schultern nieder, kriecht in die Gedanken und verwischt den Glanz in den Augen. Aber, auch da zeigt sich die Menschlichkeit, ein Lew Archer gibt niemals auf.


Schwarzes Geld
Originaltitel: Black Money, 1965
Vintage Crime
238 Seiten
Roman
Inhalt:
Das beschauliche Montevista mit Blick auf den Pazifischen Ozean ist Wohn- und Urlaubsstätte für die Reichen und Schönen. Als Privatdetektiv Lew Archer sich mit seinem neuen Klienten, dem reichen Müßiggänger Peter Jamieson, in einem exklusiven Tennisclub trifft, ahnt er bereits, dass in diesem Örtchen ganz eigene Gesetze herrschen - die von Macht und Geld. So ist es nicht ganz einfach, etwas über einen französischen Flüchtling zu erfahren, der sich mit einer Stange Geld Jamiesons Verlobte, die hübsche Ginny, geangelt hat. Das Mädchen scheint von dem Mann namens Martel geradezu besessen zu sein, bereit, mit ihm alles stehen und liegen zu lassen, um ein neues Leben anzufangen. Die Zeit arbeitet also gegen Archer, der Mühe, hat, den Hintergrund des Franzosen zu beleuchten. Denn zum einen sind die Bewohner der Küstenstadt sehr diskret im Umgang mit ihren Gästen, zum anderen streuen sie lieber eigene Gerüchte in die Welt. Schnell wird jedoch klar, dass Martel ein harter Hund ist, der auch vor Waffen nicht zurückschreckt. Zudem stolpern Lew diverse andere Personen in den Weg, die alle etwas von Martel wollen - ein Amateurdetektiv und seine Exfrau, Ginnys Mutter, ein missmutiger Arzt, ein skrupelloser Spieler und ein tragischer Selbstmord. Wie immer brodelt es unter der teuren Fassade der feinen (und nicht so feinen) Gesellschaft.
Kommentar:
Ein sehr guter und düsterer Lew Archer-Band - MacDonalds starke Seite ist die Psychologie seiner Figuren. Sein Universum ist voll von Verschrobenen und Besessenen. Ihre Obsessionen zeigen sich im Großen - in Mord und Erpressung, vor allem aber im Kleinen - Habgier, Fress- und Spielsucht, Alkoholismus. Jeder ihrer Träume ist unter der blendenden Sonne Montevistas irgendwann korrumpiert worden - das ist nur noch eine dunkle Ahnung von Unschuld. Und ein jeder droht unter der Last zusammenzubrechen - sei es der verlorene Traum, an den sich verbissen geklammert wird. Das Leben in trügerischen Erinnerungen oder einer unerreichbaren Zukunft. Sie alle haben verloren, sind verlassen worden und haben verlassen. Sie beleidigen, verletzen und lügen. Und umkreisen den Privatdetektiv, der eine stoische Ruhe an den Tag legen muss, um sich all den Seelenmüll anzuhören. Aber das ist sein Job. Und die Bruchstücke aus Selbstmitleid und Selbstbetrug zusammenzuklauben und ein paar dreckige Geheimnisse zu rekonstruieren, deren Lösung niemandem mehr hilft und deren Erledigung selbst die erfahrene Gerechtigkeit bitter schmecken lässt. Denn am Leben der Menschen ändert sich kaum etwas.