Essay
Appointment with Danger
Als nach dem Zweiten Weltkrieg und der damit verbundenen Blockade von amerikanischen Kulturgütern, Hollywood-Film in die europäischen Kinos kamen, fiel dem französischen Filmkritiker Nino Frank ein Gemeinsamkeit in einer bestimmten Art von Filmen auf. Kriminalmelodramen, Thriller, Detektiv- und Gangsterfilme der vergangenen Jahre wiesen einen düsteren, pessimistischen Unterton auf. Untermalt von hartem Schwarzweißkontrast, ungewöhnlichen Kameraperspektiven und Schattenspielen, tauchte der Film noir auf der Bildfläche auf. In seiner Art eine Abkehr von der vergnüglichen Welt des Hollywoodkinos, griff er die Kriegsangst, die Vereinsamung in den Großstädten, die Korruption des Systems und die Schwäche der menschliche Natur auf. Die Film verfügten selten über ein Happy End, waren keine klassischen Detektivgeschichten a la Arthur Conan Doyle oder Agatha Christie mehr. Sie waren Melodramen, Gangster- oder Detektivgeschichte, die in ihrer Kompromisslosigkeit wenig Gutes an der Welt ließen. Ihre Protagonisten gerieten durch Zufall in die gnadenlosen Mühlen eines tödlichen Spiels, oder - weit häufiger - durch ihre eigene Entscheidung, sich den Schatten anzuschließen - Überfälle, Betrug und Mord. Manchmal waren sie auf der Seite des Gesetzes, nicht selten jenseits davon und zum letztendlichen Scheitern verurteilt.
Mit dieser Verquickung einzelner Genres entzog und entzieht sich der Film noir bis heute einer klaren Definition und Katalogisierung. Ist er ein eigenständiges Genre, wie der Western oder Gangsterfilm? Oder ist er eine Stilrichtung mit seinen wiederkehrenden Motiven und visuellem Stil?
Journey Into Fear
Seinen Rahmen findet der klassische Film noir in der Zeit von 1941 bis 1958 - John Hustons The Maltese Falcon und Boris Ingsters Stranger on the Third Floor trugen das erste Mal die Wesenszüge des Film noir erkennbar in sich, während Billy Wilders Double Indemnity (1944) die in Stil und Inhalt einer Initialzündung gleichkam. Das Publikum war bereit für dunkle Filme, die in all der Kriegsangst einen harten und realistischen Blick auf die Welt boten. Die Kinos wurden überschwemmt mit zweitklassigen Kriminalfilmen, nur gelegentlich durchbrochen von einer Hochglanzproduktion. Die Helden auf der Leinwand waren zynische Privatdetektive und raue Polizisten, die bald von Antihelden durchdrungen wurden - verbrauchte Kriegsheimkehrer, korrumpierte Normalbürger, Gangster und Killer. Sie alle zeigten die Kehrseite des amerikanischen Traums - die Anonymität und Grausamkeit der Großstädte, die Gnadenlosigkeit des Systems. Sie alle hatten sich bereits durch den Roman noir und die Pulp-Literatur in das Bewusstsein der amerikanischen Bevölkerung gefräst - nicht selten basierten die Filme auf Romanvorlagen von Chandler, Hammett, Cain, Woolrich oder Goodis.
Deadly is the Female
Der Film noir war (und ist) ein sehr männlicher Ableger der Filmkunst. Seine Helden waren oft harte Kerle, die sich in einer von Krieg und Wirtschaftslage veränderten Gesellschaft behaupten mussten. Nicht selten waren sie - wie auch die männlichen Zuschauer - Kriegsveteranen, die nach ihrer Rückkehr weder Arbeit noch Anerkennung in ihrem Land fanden. Stattdessen mussten sie feststellen, dass die Frauen den Platz am Herd verlassen hatten, um in Büros und Fabriken Geld zu verdienen. Im Film noir kanalisierte sich das in der Femme fatale, jener manipulierenden, männerverschlingenden und mordenden Klischeefigur, die sich mit allen Mitteln gegen ihre männlichen Kontrahenten behauptet (und am Ende ein dementsprechendes findet). Ihr Gegenstück - die gute Freundin, Sekretärin oder Geliebte des Helden - versank beinahe in der Bedeutungslosigkeit. Die Unabhängigkeit der Femme fatale war eine stete Bedrohung für den Mann auf der Leinwand.
Nightfall
Neben den literarischen Wurzeln und dem gesellschaftlichen Klima waren es vor allem die Macher der Filme, die der Dunkelheit auf der Leinwand zu neuen Tiefen verhalfen. Aus Europa ausgewanderte Regisseure, Kameraleute, Musiker, Bühnenbildner und Schauspieler drückten dem Film noir bewusst oder unbewusst ihren Stempel auf - eine Vermischung von deutschem Expressionismus und den Kriegserlebnis. Persönlichkeiten wie Fritz Lang, Robert Siodmak, Billy Wilder, Otto Preminger oder Edgar G. Ulmer gaben dem Film noir und seinen Schatten Gestalt.
The Naked City
Oft spielt sich das Geschehen eines Film noir in urbanen Schauplätzen ab - die Stadt wirkt nicht selten wie ein heimlicher Protagonist. Regennasse Straßenzüge, flackernde Reklametafeln, Hochhäuser, Hafengegenden, Slums, Boxhallen, Hotels, Lagerhäuser, Gefängniszellen - eine labyrinthische, klaustrophobische Geographie, die die Unruhe und Verzweiflung des Antihelden widerspiegelte.
Out of the Past
Voice-over-Erzählung, Rückblenden, aufgelöste Chronologie, Point-of-view-Shot, surreale Traumsequenzen - der Erzählstil des Film noir hob sich nicht selten in Anspruch und Darreichung von Hollywoods Durchschnittsware ab. Die Rückblende war oft der Einstieg in die Handlung und führte den Zuschauer aus ihr in die filmische Gegenwart und damit Zumeist zu einer Erklärung für die desolate Situation des Helden - Ulmers Detour (1945), Dmytryks Murder, My Sweet (1944), Matés D.O.A. (1950). Walter Neff aus Double Indemnity spricht seine letzten Worte auf Band. In Wilders Sunset Boulevard (1950) ist es ein Toter, der seine Geschichte erzählt. Robert Montgomery wagte sich in Lady in the Lake (1947) an einen frühen Versuch von subjektiver Kamera rein aus der Sicht des Helden Philip Marlowe.
They Live By Night
Nicht nur die Nacht ist allgegenwärtig im Film noir, auch ihre Geschwister, die Schatten. Low-Key-Beleuchtung fabrizierte harte Lichtkontraste, symbolträchtige Schattenwürfe eine Vorahnung für den Untergang der Figuren (Jalousienschatten gleichen Gitterstäben, zum Beispiel in Wilders Double Indemnity). Verbunden mit der Kameraarbeit von Meistern wie John Alton, Nicholas Musuraca oder Stanley Cortez und ungewöhnlichen Kameraeinstellungen - CloseUps, Frosch- oder Vogelperspektive - brannte sich der Stil des Film noir auf die Leinwand.
I Wake Up Screaming
Das Ende des klassischen Film noir wurde durch mehrere Faktoren herbeigeführt. Zum einen mit der Verbreitung des Farbfilms, auch wenn es im Noir-Reigen ein paar bunte Ausbrecher gab (Hitchcocks Vertigo (1958), Hathaways Niagara (1953) oder Stahls Leave Her to Heaven (1945). Wer konnte schon noir sein in einem Technicolor …
Dann war es die beruhigte gesellschaftliche und wirtschaftliche Situation - in den 50ern fand die Frau wieder an den heimischen Herd zurück, der Krieg wurde kalt und seine visuelle Verarbeitung fand er zunehmend in Science Fiction- und Horrorfilmen (die Bedrohung aus dem All, etc.).
Und schließlich das Fernsehen, dass dem Kino den Rang ablief - leichte Unterhaltung ins Wohnzimmer gebracht.
Kiss Tomorrow Goodbye
Auch nach seiner klassischen Phase lebte der Film noir fort - gelegentlich noch in Schwarzweiß (Sam Fullers Shock Corridor (1963) und The Naked Kiss (1964) oder J. Lee Thompson Cape Fear (1962), später in Farbe (The Killers (1964)).
Ab den Siebzigern schließlich bewusster und selbstreflektiver - Altmans The Long Goodbye (1974) und Polanskis Chinatown (1974), während später Regisseure wie David Lynch (Blue Velvet (1986), Mulholland Drive (2001)) oder die Coen-Brüder (Fargo (1996), The Man Who Wasn't There (2001)) ihren eigenen Umgang mit dem Erbe des Film noir fanden. Diese Filme werden zumeist mit dem Begriff Neo-Noir umschrieben.