Bewertung

Story

75 %

Spannung

70 %

Atmosphäre

70 %

Gewaltdarstellung

70 %


Filmdaten

Scarface (1932)

Deutscher Titel: Narbengesicht, Mann mit der Narbe, Der

Alternative Titel & Arbeitstitel: Scarface, the Shame of the Nation

Studio: United Artists

Regisseur: Howard Hawks

Darsteller: Paul Muni, George Raft, Ann Dvorak, Boris Karloff

Drehbuch: Seton I. Miller, John Lee Mahin, W.R. Burnett, Ben Hecht

Musik: Adolph Tandler

Basierend auf: Armitage Trails Scarface


Rezension
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Scarface

>> This picture is an indictment of gang rule in America and of the callous indifference of the government to this constantly increasing menace to our safety and our liberty.

Every incident in this picture is the reproduction of an actual occurence, and the purpose of this picture is to demand of the government: "What are you going to do about it?"

The government is your government. What are YOU going to do about it? <<

(Vorwort zu Scarface)


Die Schande der Nation als Hollywoods Goldesel - II. Film

(Wo Gewalt Recht ist, hat Recht keine Gewalt)

von Martin Compart (Nachwort zur Scarface-Ausgabe Dumont Noir, 1999)


Howard Hawks' Verfilmung von Scarface (1932) war der dritte große Gangsterfilm nach Little Caesar und Public Enemy, der das Genre für die nächsten Jahrzehnte prägte und Stereotypen und Rituale festlegte. Dieser von Howard Hughes produzierte United Artists-Film erregte die Gemüter der Zensoren noch mehr als die beiden Gangsterfilme von Warner Brothers. Drei Schlusssequenzen wurden für den Film gedreht. Dabei wurde das übliche Klischee, wie der einstige furchtlose Gang-Boss um Gnade bittet, zur Freude der Zensoren meistens bei Vorführungen in den USA verwendet. Das schönste Ende ist aber sicherlich die Version, in der Paul Muni von Maschinengewehrkugeln niedergemäht wird, vor dem Cook Tours-Zeichen mit der Aufschrift The World Is Yours. Wie kompliziert die Adaption für den Film in Zeiten heftiger Zensur gewesen sein muss, sieht man an der langen Namensliste der Drehbuchautoren: Ben Hecht, Seton I. Miller, John Lee Mahin, William R. Burnett (der Romanvorlagen für Little Caesar, High Sierra, Asphalt Jungle lieferte) und Fred Palsey.

Burnett: "Ein Agent von Howard Hughes rief mich an und bot mir 2000 Dollar die Woche für die Arbeit am Drehbuch zu Scarface. Grundlage war das Buch von einem Heini namens Armitage Trail. Ein schlimmes Stück Mist - Pulp-Literatur eben. Ich arbeitete nicht für Howard Hawks, sonder für Hughes, der mir auch ein Büro gab. Plötzlich hatte ich zwölf verschiedene Drehbuchfassungen von Scarface auf dem Tisch. Egal. Ich schrieb ein komplettes Buch. Als ich fertig war, setzte Hughes den Drehbeginn an. Aber Hawks mochte nicht, was ich geschrieben hatte, und holte zehn Tage vor Drehbeginn Ben Hecht dazu. Ben sagte: Ich schreib' euch ein drehbares Skript in zehn Tagen und kriege täglich 1000 Dollar ausbezahlt. Hecht war brillant, brauchte aber immer Geld. Ich denke, Ben Hecht war letztlich dafür verantwortlich, dass der Film gedreht wurde."


Laut anderen Quellen schrieb Hecht in zwei Wochen sechzig Seiten des Drehbuchs. Dann wollte er zurück nach New York und übergab die Arbeit an John Lee Mahin mit den Worten: "Voller Löcher, das Ding. Kaum Dialog. Das ist eher ein gutes Treatment. Du wirst Probleme haben, aber das ist dein Job." Hawks behauptete, er sei zu Ben Hecht gegangen und habe ihm die Anweisung gegeben, "Al Capones Geschichte wie die der Borgias zu erzählen". Mahin: "Falsch. Ben sagte das zu Hawks. Ich habe selbst gehört, wie er es ihm sagte. Die Borgias faszinierten Ben schon immer. Ich bin mir nicht mal sicher, ob Howard die Borgias überhaupt kannte. Vielleicht. Wahrscheinlich hat er aber im Lexikon nachgeschaut, nachdem Ben ihm das gesagt hatte. Howard ist ein großer Lügner. Er behauptete auch, die Idee, wie George Raft mit der Münze spielte, sei von ihm. War es nicht. Das stand alles schon im Drehbuch. Ben hatte das erfunden." Raft musste das Flippen der Münze tagelang üben, bevor er es so gut konnte, dass er dabei einen anderen Schauspieler ansehen konnte.

Gleichzeitig arbeitete auch Seton Miller, ein alter Weggefährte von Howard Hawks, an dem Buch. Mahin konzentrierte sich auf die Dialoge, und schließlich erstellten die beiden Autoren zusammen mit Hawks die letzte Fassung. Angeblich verlangte Al Capone, der von dem Filmprojekt erfahren hatte, Einblicke in das Drehbuch zu nehmen, das frei seine Lebensgeschichte erzählen sollte. Der Capone-Biograph John Kobler schreibt:

Eines Nachts, so erzählte Hecht später, klopfte es plötzlich an der Tür seines Hotelzimmers in Los Angeles. Als er öffnete, standen zwei finster blickende Unbekannte vor ihm. Auf irgendeine Weise waren sie an eine Kopie seines Drehbuchs gekommen.
"Sind Sie der Mensch, der das geschrieben hat?", fragte der Mann mit dem Skript in der Hand.
Hecht bejahte.
"Wir haben es gelesen."
"Und wie fanden Sie es?"
"Ist dieses Zeug über Al Capone?"
"Gott bewahre! Ich kenne Al noch nicht mal." Er nannte die Namen einiger Gangster, die er in Chicago als Reporter kennen gelernt hatte - Colosimo, O'Bannion, Hymie Weiß …
"Okay. Wir sagen Al, dass dieses Zeug über andere Brüder ist." Als sie gerade gehen wollten, fiel ihnen noch etwas ein: "Wenn das Zeug nicht über Capone ist, warum haben Sie es dann Scarface genannt? Jeder denkt, dass er es ist."
"Genau deshalb. Al ist einer der berühmtesten und faszinierensten Männer, die es gibt. Wenn man den Film Scarface nennt, will jeder ihn sehen, weil er glaubt, er sei über Al. Das gehört zu den Tricks im Showgeschäft."
"Werd' ich Al sagen. Und was ist dieser Howard Hughes für ein Kerl?"
"Der hat damit nichts zu tun. Das ist der Dummkopf mit dem Geld."
"Okay. Hol ihn der Teufel." Befriedigt zogen sie ab.


Den Titelzusatz Shame of a Nation hatte ein Zensor des Hays Code durchgesetzt. Anscheinend war Capone von den Berichten seiner Drehbuch-Controler nicht völlig überzeugt. Jedenfalls besuchten einige von Capones Leuten die Dreharbeiten und wollten ein Preview des Films sehen. Hawks sagte ihnen, Al könne sich eine Eintrittskarte kaufen, wenn der Film in den Kinos sei. Capones Leuten passte diese Antwort überhaupt nicht, und sie machten ein bisschen Druck. In Windeseile stellte Hawks für sie eine Rohfassung zusammen. Den Gangstern gefiel der Film, und sie berichteten das Capone. Daraufhin wurde Hawks nach Chicago zu einer Audienz bei Capone eingeladen. "Capone und ich tranken zwei, drei Stunden Tee miteinander. Er hatte einen Morgenrock an." Zur Premiere des Films in Chicago schenkte Capone Hawks eine Miniaturmaschinenpistole und verlangte, dass George Raft zu ihm kommen sollte. Raft erzählte seinem Biographen Lewis Yablonsky von dem Gespräch: Capone rieb sich die berühmte Narbe und sagte: "Sag' den Typen in Hollywood, sie kennen Al Capone nicht. Sie haben mich am Ende des Films umgelegt. Niemand legt den König von Chicago um. Sag' ihnen das." Als ich verschwinden wollte, sagte er: "Georgie, du spielst in dem Film meinen Leibwächter und machst dauernd mit dieser Münze rum."

"Nur theatralisches Zeug."
"War das ein Vierteldollar?"
"Nein. Ein Nickel."
"Das ist schlimm. Sag' ihnen, wenn einer meiner Leute mit einer Münze spielen würde, dann mit einer goldenen Zwanzigerdollar-Münze." Ich wusste nicht, ob er nur Spaß machte oder es ernst meinte. Jedenfalls mochte er den Film und die Aufmerksamkeit, die er durch ihn bekam."