Interview mit Lisa Kuppler

Interview mit Herausgeberin Lisa Kuppler zum Start von Hard Case Crime Deutschland

Grifter's Game

Hard Case Crime- Bücher stehen für …

... exzellente Krimis mit zeitgenössischen Inhalten im pulpigen Noir-Trash-Outfit

... Créme de la Créme des Hardboiled


Wie kam die Idee zustande, die HCC-Reihe ins Deutsche zu übernehmen?

Die Idee, dass ein Verlag in Deutschland HCC auf Deutsch herausbringen sollte, kursiert ja schon lange. Doch die finanzielle Investition in eine solche Reihe ist beträchtlich, und beim Rotbuch Verlag wurde das überhaupt nur deshalb möglich, weil der Verlagsbesitzer wechselte und Rotbuch wieder zurück nach Berlin gekommen ist. Ich habe dann dem Hauslektor und dem neuen Verleger Hard Case Crime vorgestellt. Sie waren sofort Feuer und Flamme für die Idee, mit einer Hardboiled-Reihe wieder an die "alten" Krimitraditionen bei Rotbuch anzuknüpfen.


Ist die Zeit endlich wieder reif für eine Noir-Reihe in Deutschland? Die von Martin Compart betreute DumontNoir liegt ja nun schon ein paar Jahre zurück.

Ob sich eine Noir-Reihe jetzt in Deutschland durchsetzen kann, haben nun die Leserinnen und Leser in der Hand ;-). Wir bei Rotbuch glauben daran, dass die hohe literarische Qualität von HCC die anspruchsvollen Krimileser überzeugen kann. Und ich denke, dass im Lande auch wieder eine Lust und der Wunsch da ist nach härteren Krimis und nach Büchern, die sich eindeutig dem Genre Krimi zuordnen lassen.


Wie groß war der Widerstand, dieses Projekt durchzudrücken? Der Kreis der Noir-Interessierten dürfte in Deutschland relativ überschaubar sein.

Der gesamte Verlag vom Verleger über den Vertrieb bis zum krimibegeisterten Praktikanten waren sofort von HCC absolut angetan. Als der Argon Verlag dann noch mit einstieg - bei Argon erscheinen alle HCC-Titel als Hörbuch nahezu zeitgleich mit den Büchern -, waren wir sicher, dass HCC bei Rotbuch wirklich ein großer Erfolg werden kann. Das Geniale an der Reihe ist ja vor allem die Mischung der Titel aus Wiederauflagen berühmter und bekannter Autoren wie Lawrence Block, Stephen King, Donald E. Westlake, Ed McBain etc. und neuen, zeitgenössischen Krimi-Talenten wie Allan Guthrie, Jason Starr, Christa Faust, Richard Aleas usw.. Die Bücher sind sehr unterschiedlich, die Geschichten gehen oft weit über den klassischen Hardboiled hinaus - unser Starttitel von Lawrence Block, Abzocker, ist schon eher ein harter Liebesroman als ein Krimi mit einer Liebesgeschichte. Zusammen mit den wunderbaren Noir-Covern hoffen wir, dass sich auch über die Leser, die sich schon immer für den Hardboiled und Noir interessiert haben, neue Leserinnen und Leser zu HCC verführen lassen und entdecken, welche Krimi-Perlen sich dort finden lassen.


Die Reihenfolge der deutschen Titel unterscheidet sich von der US-Serie. Welche Gründe hat das?

In den USA startete die Reihe bereits im September 2004, Ende 2008 wird der fünfzigste Band erscheinen. Wir konnten für die Auswahl also aus dem Vollen schöpfen, wobei klar war, dass wir genau wie Charles Ardai mit Blocks Abzocker starten wollten - auch als Hommage an Lawrence Block, der dieses Jahr achtzig wird. Ansonsten haben wir uns davon leiten lassem, welche Autoren - bei den Klassikern - bereits in Deutschland eingeführt sind und welche wir - bei den Novitäten - in Deutschland als Autoren etablieren wollen, wie etwa Allan Guthrie oder Ken Bruen vom Autoren-Duo mit Jason Starr.


In Amerika wird in der Serie jeden Monat ein Titel rausgehauen - wie sehen die Veröffentlichungstermine für die deutsche Reihe aus?

HCC bei Rotbuch wird halbjährlich erscheinen. Im Frühjahr 2008 sind es drei Titel, im Herbst werden es vier sein. Nach den ersten, sehr positiven Reaktion von Lesepublikum und im Buchhandel haben wir beschlossen, die Reihe 2009 weiter auszubauen, also mehr Titel zu machen.


Flop

Auf welche Titel dürfen wir uns als nächstes freuen?

Im Herbst erscheint Das Ende der Straße (Dead Street) von Mickey Spillane, der vorerst letzte Spillane, der posthum erscheint und von Max Allan Collins für die Veröffentlichung fertig gestellt wurde. Ich sage "vorerst", weil offenbar noch einige unveröffentlichte Manuskripte von Spillane in der sprichwörtlichen Schublade schlummern, darunter zwei Mike Hammer-Titel.

Dann kommt im Herbst Little Girl Lost von Richard Aleas, das sowohl für den Edgar- wie für den Shamus Award nominiert wurde. Hinter Richard Aleas (ausgesprochen wie das englische "alias") verbirgt sich niemand anderer als Charles Ardai, der Herausgeber von HHC.

Von den HCC-Wiederauflagen machen wir im Herbst 361 von Donald E. Westlake.

Und es wird sogar ein vierter HCC-Titel erscheinen, Christa Fausts Hardcore Angel (Money Shot), der erst im Februar in den USA herauskam. Christa ist die erste Frau, die bei HCC verlegt wird. Sie ist eine "alte Häsin" im Bereich der Genreliteratur, vielleicht ist sie dem einen oder anderen durch ihre Horror-Romane und die Co-Autorenschaft mit Poppy Z. Brite bekannt. Eine Tradition bei Rotbuch waren ja auch immer Titel, die das Genre "Hardboiled" in bisher unbekannte Richtungen wie Schwulen- und Frauenkrimi erweitern. Deshalb war für uns sofort klar, dass wir Christa Faust möglichst schnell auch in Deutschland herausbringen wollen. Sie wird zur Veröffentlichung nach Deutschland kommen und ihr Buch auf einer Lesereise vorstellen.


Mit Spillane, Woolrich und Goodis sind in den USA auch ein paar echte Klassiker dabei - wird es die in Deutschland geben?

Ja, wir übernehmen genau das Konzept der US-amerikanischen Reihe - eine Mischung aus Wiederauflagen von Titeln aus den 50-, 60- und frühen 70er Jahren und zeitgenössischen Krimis, die in der Hardboiled-Tradition schreiben. Spillane erscheint im Herbst, Woolrich und Goodis sind für später in der Planung.


Wie sieht der Kontakt zur amerikanischen Serie aus, zum Beispiel zum Herausgeber Charles Ardai, der unter dem Pseudonym Richard Aleas selbst in der Reihe veröffentlicht?

Ich hatte damals den ersten Kontakt mit Charles Ardai aufgenommen, zuerst per Email, dann in Telefonaten. Wie immer bei den Amis läuft der Kontakt sehr unbürokratisch und überaus freundlich. Charles ist begeistert, dass HCC nun auch in einer deutschsprachigen Edition erscheint und hat den Verlag sehr unterstützt, was z.B. die Rechtebeschaffung bei den diversen Agenturen betrifft. Bei aller Unterstützung und Begeisterung ist er ein harter Verhandlungspartner, der darauf besteht, dass sein Reihenkonzept für HCC in den fremdsprachigen Editionen nicht verändert wird. Richtig geklickt hat es zwischen uns, als wir unsere gemeinsame Begeisterung für Lawrence Block entdeckten. Interessant fanden wir bei Rotbuch auch, dass Charles uns davon abgeraten hat, für die Reihe einen Hörbuchverlag zu suchen. Er hatte damit in den USA wenig Erfolg. Rotbuch hatte da mehr Glück, denn die Verlagsleiterin von Argon, Heike Schmidtke, war von dem Konzept von HCC sofort überzeugt, sodass die Titel jetzt zeitgleich auch als Hörbuch erscheinen.


Wie steht es mit deutschsprachigen Autoren? Ist geplant, die Reihe aufzubohren und sich mit eigenen Autoren vom Original abzuheben?

Das ist eine verlockende Idee, die dem Verlag natürlich auch schon gekommen ist. Meiner Meinung nach muss das aber an zwei Dingen scheitern: Erstens ist sehr schwierig, deutschsprachige Krimimanuskripte zu bekommen, die das Genre so bedienen, wie das die Autoren von HCC tun, und dabei in einer solch hohen literarischen Qualität schreiben.

Und zweitens hat natürlich Charles Ardai die Urheberrechte am Reihenkonzept von HCC, das er ja entwickelt hat. So einfach abkupfern lässt sich das für nicht, das könnte nur in Absprache mit Charles geschehen.

Es ist auch interessant, wie die anderen fremdsprachigen Editionen von HCC aussehen, z.B. die französische, die bisher mit sechs Titeln bei J'ai Lu erschienen ist. Die Franzosen haben eigene Cover entwickelt, die zwar auch pulpig und altmodisch-nostalgisch daherkommen, aber viel weniger bunt und trashig als die Original-Cover von HCC.


Abschied ohne Küsse

Auf welche Titel freust Du Dich besonders?

Ich freue mich auf alle Titel, die im Herbst erscheinen - wir haben darauf geachtet, dass die Mischung zeigt, was Noir bzw. Hardboiled heute alles sein kann: aktueller, klassisch ausgerichteter Hardboiled à la Richard Aleas, oder der Titel von Christa Faust, mit einer weiblichen Protagonistin im Pornomilieu. Westlakes 361 ist ein Klassiker aus dem Jahr 1962. Und Dead Street ist ein typischer Spillane.

Ich persönlich freue mich am meisten auf den neuen Spillane. Mickey Spillane wurde 1995 zum Grand Master der "Mystery Writers of America" ernannt, und daraufhin beschlossen wir damals bei Rotbuch, den "dreckigen, kleinen Bruder" von Hammett & Chandler mit einer neuen deutschen Edition zu würdigen. In Neuübersetzung und auch schon mit an die Pulp-Ästhetik angelehnten Covern veröffentlichten wir dann Spillane-Klassiker von Ich der Richter bis Tod mit Zinsen. Das ist im deutschen Feuilleton nicht immer gut angekommen, die taz hat uns damals vorgeworfen, Rotbuch Krimi würde nur noch "Sch..." machen. Ein bisschen zeigt der Erfolg von Hard Case Crime für mich aber, dass Rotbuch damals schon den richtigen Riecher hatte. Bis auf den ersten (der von Jörg Fauser übersetzt wurde) habe ich alle Spillanes übersetzt, und bei jedem neuen Buch fasziniert mich seine präzise, knallharte Sprache und die perfekten, originellen Plots.


Dass die Coverart der US-Vorlage übernommen werden, ist natürlich ein Hammer. Welche drei der bisherigen gefallen Dir am besten?

Die Cover von HCC sind natürlich eine Hommage an die Paperback-Tradition der 50er und 60er Jahre. Charles Ardai hat zum Teil Künstler beauftragt, die schon in 60er Jahre genau solche Cover gemalt haben. Die ersten Rückmeldungen aus Buchhandel und Krimiszene zeigen, dass auch die deutsche Reihe nicht nur wegen den namhaften Autoren und dem Attribut "Pulp", sondern vor allem auch wegen der Cover beim Lesepublikum ankommt.

Mir gefällt das Cover von Abschied ohne Küsse am besten, weil es so wunderbar mit den Genrekonventionen des Hardboiled spielt. Einerseits sehen wir da eine spärlich bekleidete junge Frau mit großen Titten. Andererseits ist klar, dass diese Frau den am Boden liegenden Typen mit einem Baseballschläger brutal niedergeschlagen hat. Besser kann man, denke ich, nicht illustrieren, wo der zeitgenössische Hardboiled gerade steht: Gewalt und Sex ist nicht mehr allein Männersache, die Frauen mischen mit, und nicht nur als Randfiguren. Plakativer Sexismus steht direkt neben radikalem Feminismus, ohne dass das groß bewertet wird. Beim Verlag war auch sofort klar, dass dieses Cover auf die Verlagsvorschau und die Poster für die Reihe kommt.


Ich bedanke mich für die sehr interessanten Fragen!


Und ich mich für die ausführlichen Antworten.