
Als Dick eines Morgens seine Raststätte aufmachen will, weiß er, dass ihn seine Frau samt seinem kleinen Sohn verlassen und ihre gesamten Ersparnisse mitgenommen hat. Ohne lange zu überlegen, lässt er alles stehen und liegen und macht sich auf nach Kalifornien. Denn seine Frau liebt Hollywood, also wird er sie dort finden. Die Große Depression hat das Land fest im Griff. Mit nichts außer der Kleidung an seinem Leib und ein paar Dollar in der Tasche schlägt er sich mit anderen Tramps unter unmenschlichen Bedingungen in Richtung Süden durch. Sein Geld und seine Würde ist er los, als er schließlich in Los Angeles ankommt. Am Ende seiner Kräfte, lässt er sich auf einen fingierten Raubüberfall ein, bei dem ein Spielkasino um seine Einnahmen gebracht werden soll. Als das schief geht, ist er zwar um einige hundert Dollar reicher, aber dafür ist ein Mann tot und ein weiterer auf dem Weg zum elektrischen Stuhl. Geplagt von seinem schlechten Gewissen, schlüpft er bei der frisch getrennten Mamie unter. Doch weder sie, noch diese verdammte Stadt machen es ihm möglich, sein Leben auf die Kette zu bekommen.
Kommentar
Wer verliert gewinnt ist so ein einmalig abgefeuertes Romangeschoss, das unmittelbar ins Schwarze trifft – in diesem Fall im wahrsten Sinn des Wortes: noir. Statt Lassies Abenteuern oder Kriegsroman, knallte der Brite Eric Knight hier einen amerikanischen Roman irgendwo zwischen Depressionsnovelle (Horace McCoys They Shoot Horses, Don’t They?), Hollywood-Zynismus (Chandlers The Big Sleep bzw. Nathaniel Wests The Day of the Locust) und gestörtem Beziehungsdrama (James M. Cains The Postman Always Rings Twice) raus. In einem Hollywood voller Verrückter, oder Leuten, die kurz davor stehen. Ein degenerierter Regisseur, eine obsessive Geliebte, eine abgehobene Sektenführerin, eine sphärische Erbin, ölige Juristen und korrupte Bullen. Und einem Ich-Erzähler, bei dem sich schnell das Gefühl einschleicht, dass ihm nicht ganz zu trauen ist. Seine Beweggründe so kaputt, wie der Rest der Gesellschaft. Seine Rechtfertigungen so fluide, wie der Ozean, auf den er so gerne schaut. Mal ist es Wehmut nach seinem Sohn, mal die große Liebe, mal die Sehnsucht nach einer verklärten Vergangenheit, die ihn treiben. Züge eines Thompson-Soziopathen.
Etliche Fragmente aus Knights Roman kann man als satirischen Blick auf das Amerika der späten 30er sehen – vom hard-boiled-Erzähler der Pulps, über die überzogenen Hollywood-Stereotypen, egal ob Schauspieler oder Regisseure, die pseudosozialistischen Strömungen als fragile Hoffnung gegen die Depressionsjahre, die Flucht in religiöse Gruppen (McPherson und der Angelus Temple in Los Angeles).
Und doch schwingt in Wer verliert gewinnt mehr mit – ein Verständnis für die amerikanische Existenz. Der Sehnsucht nach dem amerikanischen Traum und die damit verschlungene zwanghafte Erwartung nach dessen Erfüllung. Der immense Weite und Unterschiedlichkeit des Landes, die auch Protagonist Richard innerlich zerreißt (zwischen der Jugend in Baumwollplantagen, dem archetypischen Dinner am Straßenrand, den Vergnügungspiers mit Pappmacheversprechen und den erhöhten Zelluloidverführungen der Traumfabrik). Der Faszination (und Anfälligkeit) für Blender und Bauernfänger, egal ob politisch oder religiös. Den Extremen in der Bevölkerung, von den schieren Massen der Hobos und Tramps der Depressionszeit hin zu den oberen Zehntausend.
Dabei ist Knights Prosa knapp, konzentriert und manchmal brillant, einige Kapitel nur wenige Seiten lang, aber das muss so sein, um zu treffen.
Notiz
Veröffentlicht unter dem Pseudonym Richard Hallas, was Sinn macht, wenn man sein Oeuvre nicht mit diesem Ritt verfärben will, gegen Ende der Großen Depression. Amerika kannte er zu Genüge, wuchs dort großteils auf, arbeitete später u.a. In Hollywood. Sein Leben war so vielschichtig wie sein literarisches Schaffen, seinen größten Erfolg feierte er als Erfinder der Collie-Hündin Lassie, schrieb aber mit This Above All (1941) auch einen der ersten Romane über den bzw. angesiedelt im Zweiten Weltkrieg.
Ebenso faszinierend die Geschichte der deutschen Übersetzung von Wer gewinnt verliert von der tollen Anna Katharina Rehmann-Salten – aber dazu mehr im – wie immer exzellenten – Nachwort von Martin Compart.
Fazit
Liegt es nur am Klima Kaliforniens, dass alle am Rad drehen? Oder an der wilden Zeit? Oder einfach am Menschsein? Damals wie heute am Ende egal, keine Erklärung nötig. Knights Roman Wer verliert gewinnt bringt den Irrsinn Amerikas und der menschlichen Existenz in bester Noir-Manier auf den Punkt.
Fakten
Wer verliert gewinnt
Originaltitel: You Play The Black and the Red Comes Up, 1938
Richard Hallas, Eric Knight
Zu bekommen
Buchhandel oder direkt beim Elsinor-Verlag, bitte.
Ich sehe bei einer Verfilmung von Wer verliert gewinnt ja die Coen-Brüder las potentielle Kandidaten.